«Zeit, sich neu zu orientieren»

WECHSELBAD ⋅ Stadtpräsident, Privatwirtschaft oder Nationalrat – zwei Jahre vor seinem 40. Geburtstag denkt Tübachs Gemeindepräsident Michel Götte über seine Zukunft nach. Nicht vom Tisch ist das Stadtpräsidium in Gossau.

TAGBLATT

Der 38-jährige SVP-Politiker Michael Götte ist seit 2006 Gemeindepräsident von Tübach. Bereits seit 2003 sitzt er im Kantonsrat St. Gallen. Zudem ist er Leiter kantonale Politik der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell. Zwei Jahre vor seinem runden Geburtstag beschäftigt er sich auch mit seiner persönlichen Weichenstellung. Wohin ihn sein Weg künftig führen könnte, darüber äussert er sich im nachfolgenden Interview.

Michael Götte, weshalb haben derart viele Menschen Mitleid mit Ihnen?

(stutzt) Mitleid muss niemand mit mir haben. Vielleicht, weil meine verschiedenen Mandate eine grosse Präsenzzeit verlangen.

Es ist doch vielmehr so, wann immer ein Stadtpräsident gesucht wird, dann kommen Sie ins Spiel. Man will Sie offenbar aus dem ländlichen Kleinbürgertum befreien.

Ich glaube nicht, dass es darum geht, mich zu erlösen. Wer einmal so ein Dorf wie Tübach führen darf, der weiss, dass dies besser ist als viele andere Sachen. Fakt ist aber, es gibt hierzulande nicht viele SVP-Politiker in der Exekutive. Weil ich mich bekanntlich schon um höhere Positionen (Regierungsrat) beworben habe, denken die Leute gerne an mich, wenn sich etwas tut.

Wann kehren Sie Tübach also den Rücken?

Wenn eine spannende und herausfordernde Alternative kommt, die für mich und meine Familie passt.

Und was kommt da in Frage?

Das kann nach wie vor Verschiedenes sein. Es kann ein anderes politisches Mandat sein. Es kann auch eine Kandidatur für den Nationalrat sein, wobei dies auch mit dem Amt als Gemeindepräsident kombinierbar wäre. Eine neuerliche Kandidatur für den Regierungsrat hat momentan nicht die oberste Priorität. An Gewicht gewonnen hat hingegen in der Zwischenzeit mein Engagement in der Privatwirtschaft.

Apropos politisches Mandat. Sie werden als Kandidat für das Stadtpräsidium in Gossau gehandelt. Ein Amt, das Sie sich vorstellen können?

Bei einem Wechsel auf kommunaler Ebene würde mein Fokus klar auf einer Stadt liegen. Ich habe bei der Partei bezüglich Gossau aber die Ansicht eingebracht, dass es besser wäre, sich auf einen Sitz im Stadtrat zu konzentrieren, mit realistischer Wahlchance, statt gleichzeitig auch noch das Stadtpräsidium anzustreben. Und mit Kantonsrätin Claudia Martin stellen wir zweifellos eine sehr gute Kandidatin für den Stadtrat.

Das heisst, eine Kandidatur von Ihnen fürs Gossauer Stadtpräsidium ist vom Tisch?

Wie gesagt, ich kann mir nicht vorstellen, dass Gossau Ja sagt zu einer SVP-Städträtin und einem SVP-Stadtpräsidenten. Es gibt aber nach wie vor Leute aus der Partei und ausserhalb, die sich um mich bemühen. Es finden dazu in den nächsten Tagen auch noch verschiedene Gespräche statt. Der Schlussstrich ist immer erst dann gezogen, wenn die Eingabefrist abgelaufen ist.

Zurück nach Tübach. Wo drückt der Schuh aktuell am meisten?

Noch immer beim Grossprojekt Zentrumswiese. Ich habe aber am ersten Tag nach meinen Ferien gehört, dass sich beim kantonalen Baudepartement, wo der Fall seit beinahe zwei Jahren hängig ist, etwas tut. Wir dürfen also in den nächsten Tagen mit einem Entscheid rechnen. Offen ist, in welche Richtung der Entscheid geht. Wir bekommen zwar aufgrund der Messgrösse im neuen Aggloprogramm noch etwas Bauland. Aber dennoch sind wir in der baulichen Entwicklung sehr eingeengt.

Gilt das auch für Gewerbe und Industrie?

Leider insbesondere. Wir bekommen zwar beinahe wöchentlich Anfragen, doch für die Neuansiedlung von Unternehmen haben wir keinen Quadratmeter Boden. Jener Teil, der zu vergeben wäre, ist in privater Hand und nicht verfügbar.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Region Rorschach? Hier kommen diverse Projekte wie A1-Anschluss, Zen­trumsüberbauung Goldach oder Sanierung Hauptstrasse Rorschach nur schleppend voran.

Es harzt nicht wegen der politischen Entscheidungsträger. Diese sind bemüht, die Projekte voranzutreiben. Es sind die Möglichkeiten zur Einsprache bis vor Bundesgericht, welche die ­Prozesse träge machen und die ­Entscheidungswege lang. Dazu kommt, dass die juristische Seite immer ausgeprägter wird. Heute kann man oft nicht mehr mit dem Einsprecher reden, sondern nur mehr mit seinem Anwalt.

Die direkte Demokratie ist also ein Hemmschuh?

Nein, keinesfalls. Man kann sich zwar Gedanken machen, wie das Problem zu lösen wäre. Die Möglichkeiten der Bürger zu beschneiden wäre sicher der falsche Weg. Man kann nur an die Vernunft appellieren.

Welche Hausaufgaben hat Tübach zu machen?

Im kommenden Jahr steht die Totalsanierung unserer Mehrzweckhalle an. Ausserdem sind wir mit dem neuen Richtplan und Anpassungen beim Baureglement beschäftigt. Spannende und reizvolle Aufgaben. Dies gilt natürlich auch für das kantonale Schwingfest, das wir 2018 bei uns durchführen dürfen.

Hatten Sie die Schwinger­hosen denn schon selber an?

Ich hatte mal Gelegenheit dazu (lacht). Ich musste mir dann aber rasch das Sägemehl aus dem Gesicht wischen.

Aktuell ist in Europa, trotz leichtem Rückgang, seit Monaten die Flüchtlingswelle. Wie viele leben im Dorf?

Wir betreuen, nach einer kürzlichen Geburt, aktuell 16 Asylanten, drei mehr als vorgegeben.

Haben die Vorkommnisse der vergangenen Monate ihre harte Haltung in der Asylpolitik aufgeweicht?

Wir brauchen eine restriktive Asylhaltung. Ich sehe das in Tüb­ach und andern Orten. Wir haben viele Flüchtlinge hier, die in ihren Heimatländern nicht an Leib und Leben bedroht sind. Zudem bin ich der Auffassung, dass Flüchtlinge Bittsteller sind und sich den Gepflogenheiten ihres Gastlandes anzupassen haben. Die Erfahrung zeigt mir aber, dass oft das Gegenteil der Fall ist.

Sie haben mit der Familie in Kanada und den USA Ihre Ferien verbracht. Wie relaxed sind Sie?

Ich bin in der Tat momentan sehr entspannt. Und ich werde darauf achtgeben, nicht zu rasch wieder vom hektischen Alltag eingeholt zu werden.

 

 

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