Wo die St. Galler Babys herkommen

TAGBLATT

Die Suche beginnt im Bermudadreieck zwischen Kirche, Primarschule und Gemeindehaus. 5368 Babys kamen im vergangenen Jahr im Kanton St. Gallen zur Welt – so viele wie schon lange nicht mehr. Wo also suchen, wenn nicht in Tübach, der Babyhochburg der vergangenen ­Jahre?

Gleich hinter der Kirche Mariahilf der erste Anhaltspunkt: Carmen Baumann sitzt im Schatten und lehnt sich an die kühle Mauer. Im Oktober erwartet sie ihren zweiten Buben. «Ja, es gibt schon viele schwangere Frauen in Tübach», sagt die Schwangere. Sicher im Vergleich zu Flawil, wo Carmen Baumann früher wohnte. In Tübach treffen sich die Mütter im Spatzehöck, auch der Elternverein ist sehr aktiv. Auch der tiefe Steuerfuss und der niedrige Ausländeranteil machen die Hüsli-Gemeinde zu einem Sehnsuchtsort für Familien.

Es ist der zweitletzte Tag vor den Sommerferien. Das Schulhausareal ist bereits verwaist. Zwei Buben in kurzen Hosen und mit nacktem Oberkörper spielen Pingpong. «Ja, es gebe viele Kinder in Tübach», bestätigt Sven. Sein Freund Luca nickt. Neulich hätten sich die Sechstklässler draussen vor dem Schulhaus in einem riesengrossen Kreis aufgestellt. Und um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, schreitet Luca den imaginären Kreis mit ausgestreckten Armen ab.

Nur Roboter, keine Babys

Tübach döst. Vor einem Haus dreht ein Roboter-Rasenmäher seine Runden. Doch Babys sind an diesem Nachmittag auf der Kirchstrasse weit und breit nicht zu sehen. Auf einer Bank vor dem «Löwen» sitzt eine alte Frau. «Es kommt allpott ein Kinderwagen vorbei», sagt sie. Kinderfreundlich war das Dorf schon immer. Früher hiess es im benachbarten Goldach, in Tübach seien die Kinder noch frei und unbeschwert. Doch diese Freiheit hatte auch ihre Grenzen. Als die Kinder der Frau im Wald eine Baumhütte bauten, kam ihnen der damalige Gemeindeammann auf die Schliche – und sie mussten die Hütte wieder abbrechen.

Weiter oben an der Haldenstrasse reiht sich Hüsli an Hüsli: Eternit-Dächer aus den 1970er-Jahren, ein minimalistischer Aluminium-Kubus, eine rote Riegelbau-Villa. Dann ein Spielplatz wie aus einem Traum: Rutschbahn, Klettergarten und ein farbig bemalter Hürlimann-Traktor. Aber auch hier: weder Kind noch Baby.

In der Kirche kümmert sich die Mesmerin derweil um die Blumen. Neben dem Taufbecken steht ein Tischchen mit Kinderstühlen, darauf der gute Hirte als Ausmalbild. Es gebe viel zu tun in ihrer Gemeinde, sagt sie. «Wir haben hier mehr Taufen als Hochzeiten und Beerdigungen.» Das Tischchen wird kaum lange leer bleiben.

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