«Wir werden von Fällen überrollt»

Mehr Fälle als erwartet und neue Aufgaben: Die regionale Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) stösst laut Präsident Thomas Würth an ihre Grenzen. Das Personal wurde aufgestockt, externe Fachleute prüfen die Organisation.

TAGBLATT / Linda Müntener.

«Ein Sammelbecken für alle Problemfälle unserer Gesellschaft.» So bezeichnet Thomas Würth die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Der Goldacher Gemeindepräsident und Verwaltungsratspräsident der Kesb Region Rorschach findet damit klare Worte für die momentane Situation der Schutzbehörde. Die Arbeitsbelastung sei hoch, denn die Fallzahlen sind markant gestiegen. Gestartet ist die Kesb Anfang 2013 mit 500 Fällen. Ein Jahr später verzeichnete die Behörde 580 Fälle, per Anfang 2015 sind es 640 Fälle. Eine Zunahme, die er nicht erwartet habe, sagt Kesb-Leiter Reto Schmid. «Und die Tendenz ist steigend.»

50 Meldungen pro Monat

Die Kesb ersetzt seit 2013 die kommunalen Vormundschaftsbehörden (siehe Kasten). Sie nimmt Gefährdungsmeldungen entgegen, seien dies Hinweise aus der Bevölkerung oder von Behörden. Als häufigste Ursachen für eine Intervention durch die Kesb nennt Reto Schmid Suchtprobleme, Erziehungsprobleme, psychische Probleme oder häusliche Gewalt. Im Durchschnitt treffen 50 neue Meldungen pro Monat ein. «Wir sind verpflichtet, jeder Meldung nachzugehen», sagt Schmid. Das brauche Zeit.

Die Gründe für den markanten Anstieg der Fallzahl seien vielschichtig, Haupttreiber sei die gesellschaftliche Entwicklung. «Die Situation der Kesb ist das Spiegelbild unserer Gesellschaft», sagt Schmid. «Immer mehr Leute brauchen Unterstützung.» Ein weiterer Grund sei, dass durch die Revision des Vormundschaftsrechts neue Aufgabenbereiche für die Kesb geschaffen wurden. Mehr Arbeit verursache beispielsweise eine Gesetzesänderung, die neu regelt, dass unverheiratete Eltern, die getrennt leben, für ein gemeinsames Kind die gemeinsame elterliche Sorge beantragen können. «In Streitfällen müssen wir die Verhältnisse der Eltern abklären und anschliessend einen rechtsmittelfähigen Entscheid fällen.» Dies sei nur eine der rund 110 Aufgaben der Behörde. Die Kesb betreue auch zunehmend ältere Leute, die zum Beispiel an Demenz leiden und deshalb nicht mehr in der Lage sind, ihre persönlichen Verhältnisse selbständig zu regeln.

400 Stellenprozente mehr

Um die steigende Fallzahl zu bewältigen, wurde das Personal um 400 Stellenprozente aufgestockt, von 11 auf 16 Mitarbeitende. Das sei dringend nötig gewesen, sagt Verwaltungsratspräsident Thomas Würth und nennt ein Beispiel: Die Berufsbeistände der Kesb betreuen je rund 100 Beistandschaften. Oft seien dies komplexe Fälle, die eine Privatperson nicht betreuen könne. «Stellen Sie sich vor, man will mit jedem dieser Fälle nur einmal im Monat in Kontakt treten. Das ist schlicht unmöglich.» Mehr Personal benötige auch mehr Raum. Auch hier stosse die Kesb an ihre Grenzen.

Fallzahl als Kostentreiber

Der Druck steigt auch in der Öffentlichkeit. Politiker im Kanton St. Gallen kritisierten unlängst, dass KES–Behörden übereifrig Schutzmassnahmen anordnen und damit eine Kostenlawine auslösen. Dem widerspricht Würth: Kostentreiber seien nicht falsche Entscheide der Behörde, sondern die Fallzahlen. «Wir gehen nicht auf die Strasse und akquirieren Fälle», sagt er. «Wir werden von Fällen überrollt.» Manchmal seien teure Sondermassnahmen nötig. «Warum diese so teuer sind, hinterfragt aber niemand.» Auch Schmid betont, dass die Behörde bestrebt sei, kosteneffiziente Lösungen zu finden. Der Mensch müsse aber im Zentrum stehen.

Unabhängig von der schwierigen Situation hat der Verwaltungsrat die Organisation der Behörde von externen Fachleuten prüfen lassen. Deren Ergebnisse stehen laut Würth noch aus. Ziel müsse sein, erst gar keine Fälle entstehen zu lassen. Wie das funktionieren soll, dafür gebe es keine rasche Lösung.

Eine Adresse für zehn Gemeinden

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ersetzt seit 2013 die kommunalen Vormundschaftsbehörden. Grund für den Strukturwandel war die Revision des Vormundschaftswesens. Die Kesb ist für alle erstinstanzlichen Entscheide im Bereich Kindes- und Erwachsenenschutzrecht zuständig. Zu ihren Aufgaben gehören die Errichtung und Führung von Beistandsschaften sowie Besuchsrechtsregelungen und fürsorgliche Unterbringungen. Zum Zweckverband Region Rorschach gehören Rorschacherberg, Thal, Goldach, Rorschach, Untereggen, Berg SG, Tübach, Steinach, Mörschwil und Rheineck.

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