Süchtig nach Politik

Zu viel oder zu wenig? Bei den Löhnen der St. Galler Gemeindepräsidenten gehen die Meinungen auseinander. Am Beispiel des Tübacher Präsidenten zeigt sich, dass Steuerzahler etwas für ihr Geld bekommen.

TAGBLATT/Rudolf Hirtl

Die Löhne der Gemeindepräsidenten sind kein Geheimnis mehr. Seit der Veröffentlichung am 23. Februar weiss jeder, was die Dorfkönige verdienen. Michael Götte beispielsweise für sein 50-Prozent-Amt in Tübach 92300 Franken. Sieben Gemeindepräsidenten in der Region Rorschach bekommen auf 100 Prozent hochgerechnet mehr. Trotzdem ist er mit seinem Salär zufrieden. Und auch die anderen in der Liste veröffentlichten Löhne findet er aufgrund der Verantwortung, die Gemeindepräsidenten tragen, angemessen.

«Ich kann zu allen Bezügen stehen und habe auch nie ein Geheimnis daraus gemacht», sagt er, betrachtet die Kampagne, die er als Neidkampagne bezeichnet, aber mit einer gewissen Skepsis. «Man muss sich fragen, wem diese Offenlegung nutzt. Meiner Meinung nach niemandem. Es gibt vermutlich einzelne Gemeindepräsidenten, die sich in solchen Momenten fragen: Wieso mache ich das überhaupt, wieso tue ich mir das an? In der Privatwirtschaft könnten sie mit ihren Fähigkeiten und ihrer Einsatzbereitschaft den besseren Lohn haben, ohne derart an den Pranger gestellt zu werden.»

Oft wird auch Arbeit mit nach Hause genommen

Als Politiker stehe man im Rampenlicht. Dessen müsse man sich bewusst sein. Es könne dennoch sein, dass der eine oder andere Amtskollege die Freude an seinem Beruf so verliere. Für ihn selbst gelte dies aber nicht, im Gegenteil. «Die Arbeit macht mir extrem Spass. Es ist wie eine Sucht. Eine Sucht nach Politik; aber keinesfalls eine Sucht auf Machtspiele.» Über Themen zu diskutieren und Projekte mitzugestalten, sei einfach wahnsinnig spannend.

«Weil ich auch im Kantonsrat sitze, erlebe ich Politik auf verschiedenen Ebenen. Das macht es zusätzlich reizvoll», sagt SVP-Politiker Michael Götte, der zusätzlich bei der Industrie- und Handelskammer St. Gallen in einem 30-Prozent-Pensum tätig ist. Die Aufgaben eines Gemeindepräsidenten bezeichnet er als vielfältig. Neben den klassischen Aufgaben, wie etwa dem Führen des Personals und des Gemeinderates oder dem Vorbereiten von Budget und Rechnung für die Bürgerversammlung, kämen noch weitere Pflichten hinzu. Unter anderem auch diverse Delegationen wie zum Beispiel jene bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, beim hiesigen Abwasserverband und viele weitere regionale Funktionen und Aufgaben.

Gemeindepräsident, Kantonsrat, Industrie- und Handelskammer – hat der Tag denn genügend Stunden für ihn? Tübachs Gemeindepräsident schmunzelt und erklärt: «Das geht schon. Während der Session bin ich zum Beispiel von 6 bis 8 Uhr im Büro und abends ab 17 Uhr habe ich Gemeinderatssitzung. So erreiche ich die nötigen Stunden für mein 50-Prozent-Pensum auch, wenn ich im Kantonsrat sitze. Götte stapelt diesbezüglich allerdings tief, reicht doch die Zeit im Rathaus selten, um sich in alle Dossiers einzulesen. Oft nimmt er Arbeit mit nach Hause. «Für mich gibt es den Feierabend als solchen nicht. Es ist immer fliessend», räumt er denn auch ein. Selbst am Sonntagabend, wenn er sich in der Regel um die Terminplanung kümmert.

Bleibt genug Zeit für die Familie? «Wir haben eine klare Vereinbarung. Unter der Woche bin ich mindestens einen Abend pro Woche zu Hause. Das Wochenende ist so gut wie möglich freizuhalten», sagt Götte. Selbstverständlich gebe es auch Verpflichtungen, die am Samstag oder Sonntag stattfinden würden.

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