Stock statt Gewehr

Raphael Locher aus Tübach ist Dirigent eines Militärorchesters. Das schaffen nur die Besten. In seiner knapp einjährigen Militärzeit hatte er immer wieder mit dem Bundesrat zu tun. Und einmal mit den Russen.

TAGBLATT/Martin Rechsteiner

«Musik ist die stärkste Waffe», sagt Raphael Locher. «Sobald sie spielt, verbessert sich die Stimmung an einem Ort schlagartig.» Der 21-jährige Tübacher lächelt, wenn er das sagt. Im Januar ist Locher in die Militärmusik-RS in Aarau eingerückt, jetzt trägt er den Rang eines Wachtmeisters und dirigiert ein rund 80-köpfiges Militärorchester. Heute haben er und seine Kameraden mehrere Auftritte an der Olma.

Lochers Einsatz in St.Gallen ist einer von vielen. In seiner knapp einjährigen Zeit in der Militärmusik dirigierte der junge Mann immer wieder Orchester-Auftritte. Manchmal vor prominenten Zuhörern, zum Beispiel vor dem Bundesrat und dessen Besuchern. «Besonders Ignazio Cassis, selbst Militärmusiker, Alain Berset und Simonetta Sommaruga lieben das Militärspiel.» Aber auch die restlichen Mitglieder des Siebner-Gremiums seien Fans der Militärmusik. «Sie freuen sich meist sehr über uns, den meisten habe ich auch schon einmal die Hand geschüttelt.»

Besuch von anderen Streitkräften

Wenn Locher von der Militärmusik spricht, kann er seine Passion dafür kaum verbergen. Die Stimme bleibt zwar ruhig, doch blitzt Leidenschaft in seinen Augen, er gestikuliert mit den Händen. Dabei sitzt seine Militäruniform, die Abzeichen auf der Brust blinken, an einer Achselschnur baumeln zwei kleine silberne Trommelstöcke. Seine Militärfunktion bringt Locher immer wieder vor grösseres Publikum. So stand er kürzlich an der Tattoo on Stage in Luzern ein Orchester vor 4000 Besuchern auf der Bühne. Im Militär, etwa, wenn das ganze Bataillon zusammenkommt, sind es schnell einmal 1000 Zuhörer. «Ich durfte auch schon Militärorchester anderer Armeen dirigieren, darunter eine Russische Delegation», sagt Locher.

Klar ist: Wer zur Militärmusik will braucht nicht nur Talent, sondern auch Fleiss und Durchhaltewillen. «Wir üben meist sechs bis sieben Stunden am Tag», sagt Locher. Dazu kommen Musik-Theorie und, in der Rekrutenschule, natürlich auch militärischer Drill. «Manchmal stand ich im Konzertsaal und musste beim Spiel wie immer jeden Ton treffen, wenige Minuten zuvor war ich noch mit der Atemschutzmaske über den Platz gerannt.» Diese Umstellung sei manchmal doch ziemlich anspruchsvoll gewesen. Seit Abschluss der Grundausbildung gebe es glücklicherweise fast nur noch Musik, der dienst ist Waffenlos. «In unserer Truppengattung gibt es kaum Strafen und Gebrüll. Alle sind freiwillig hier, der Umgang ist konstruktiv und höflich.»

Raphael Locher spielt seit elf Jahren Trompete. «Meine Grossmutter hat sie mir damals geschenkt.» Das Spielen habe nicht immer gleich viel Spass gemacht, gibt er zu. «Ich war sogar einmal kurz davor, zu Gunsten von Unihockey mit der Musik aufzuhören.» Dann habe er sich aber doch für die Trompete entschieden.

Mit dem Blasinstrument absolvierte er schliesslich die Aufnahmeprüfung für die Militärmusik-RS. «Anwärter müssen dabei 144 verschiedene Tonleitern auswendig und auf Abruf spielen können.» Locher spielte daraufhin im Militär einige Wochen auf seinem Instrument, tauschte es dann aber gegen den Dirigentenstab ein. Denn Dirigent und damit Unteroffizier werden ist unter Militärmusikern begehrt. «Bei uns im Jahrgang wurden nur ich und drei andere genommen», sagt Locher. Wichtig bei der Funktion sei, selbstsicher vor ein Orchester stehen zu können. Dazu ist ein ausgeprägtes musikalisches Gehör unabdingbar: «Ein Dirigent muss alle Stimmen, also jedes Instrument, hören und interpretieren können. Dies, obwohl er einen grossen Teil der Instrumente im Orchester gar nicht selbst spielen kann.»

Tränen im Altersheim

«Mir macht Musik am meisten Spass, wenn ich sehe, dass die Zuhörer Freude haben», sagt Locher. «Einer der schönsten Auftritte war für mich im Altersheim, als die Leute vor Rührung Tränen in den Augen hatten.»

Locher ist deshalb auch ausserhalb des Militärs musikalisch aktiv. Nach einigen Jahren bei den «Young Winds» beim Musikverein Melodia Goldach, spielt er derzeit bei der Stadtharmonie Eintracht Rorschach. «Mit Musik oder gar als Dirigent Geld zu verdienen kann ich mir aber nicht vorstellen», sagt er. So wartet kommendes Jahr ein Wirtschaftsinformatik-Studium auf den jungen KV-Lehrabgänger. «Doch in diesem Winter, wenn ich fertig bin mit dem Militär, gibt es erst einmal etwas ganz anderes: Eine Saison als Skilehrer.»