Politische Weichen neu stellen

Während des Wahlkampfes um den freigewordenen Sitz in der St. Galler Regierung ist Michael Götte vor zwei Jahren bei Schnee und Eis rund um den Kanton gelaufen – und dies unfallfrei. Nun begrüsst er den Journalisten mit einer Schiene an der linken Hand zum Sommergespräch. Wie hat er sich verletzt? «Beim Biken», so Tübachs Gemeindepräsident. Also bei einer spektakulären Abfahrt gestürzt? «Nein», räumt Götte mit einem verlegenen Schmunzeln ein, «ich bin mit dem stehenden Velo umgekippt.» Jetzt könne man ihm wenigstens nicht mehr vorwerfen, zu jung zu sein, fügt er lachend an, denn es seien ja vor allem ältere Menschen, die mit stehenden Velos umkippen würden.

Bern oder St. Gallen

Der Vorwurf, noch zu jung zu sein, hat ihn vor neun Jahren nicht daran gehindert, als Gemeindepräsident in Tübach gewählt zu werden, noch vor fünf Jahren Fraktionspräsident der SVP im Kantonsrat zu werden. Und auch nicht daran, von seiner Partei ins Rennen um den vakanten Regierungsratssitz geschickt zu werden. Mittlerweile ist er 35 Jahre alt und wie erwähnt nicht mehr ganz «fahrtüchtig» – zumindest nicht mit dem Velo. Nicht weiter erstaunlich also, dass er sich nun auch Gedanken über seine politische Zukunft macht. «Ich fühle mich nach wie vor wohl in meinen heutigen Aufgaben, egal, ob auf kommunaler, kantonaler oder parteilicher Ebene», schickt er voraus. Ausserdem habe er spannende kantonale Projekte begleiten dürfen. Etwa 2013, als er die Kommission zum Entlastungspaket präsidierte, später auch die Spital-Kommission, die eines der grössten Geschäfte beinhaltet habe, die der Kanton je zu behandeln gehabt habe.
Gleichwohl, müsse er sich auch Gedanken um seine Zukunft machen, wobei der Umstand bei seinen Überlegungen eine wichtige Rolle spiele, dass seine Frau Andrea und er das dritte Kind erwarten und ein Haus im Hermet bauen würden. Politisch stelle sich die Frage, ob er sich als Kandidat für die Nationalratswahlen aufstellen lasse. Anfragen der Partei habe es bereits gegeben.

Entscheidung fällt im Winter

Nicht ausschliessen möchte Götte aber auch, dass er 2016 nochmals einen Anlauf in Richtung Regierungsrat macht. Wie schätzt er seine Chancen ein? «Die SVP wollte 2012 mit mir einen SP-Sitz gewinnen, in einer Zeit, als die SP im Hoch war und die SVP von verschiedenen Seiten kritisiert wurde. Ich denke, dass meine Chancen bei regulären Gesamterneuerungswahlen durchaus intakt wären.» Als dritte Option bezeichnet er den Wechsel vom Gemeinde- zum Stadtpräsidenten. Auch hier kann sich Götte nicht über mangelndes Interesse beklagen. Er hat mehrere Anfragen in der Schublade, in denen er gebeten wird, sich zur Wahl zu stellen. Auch eine Rückkehr zu 100 Prozent in die Privatwirtschaft bezeichnet er als denkbar.
Auf eine Tendenz will sich Götte zum heutigen Zeitpunkt nicht einlassen. Er räumt aber ein, dass eine Aufgabe in Bern sehr attraktiv wäre. Die Entscheidung, welches politische Ziel er anvisieren wird, will er frühestens im Winter fällen. Egal, wofür er sich entscheidet, er kann dabei auf die Unterstützung seiner Frau zählen, die den Part Erziehung in der Familie schon heute verantwortet. Wofür er sich sehr dankbar zeige.

Bevölkerung soll mitreden

Das Beispiel seiner Familie zeige auch, wie wichtig es sei, Spielgruppen oder Kindertagesstätten anzubieten, damit auch Frauen mit Kindern ihre beruflichen Karrieren nicht aufgeben müssten. Dies sei auch einer der Punkte, die im Gemeinderat derzeit diskutiert würden. Götte appelliert bei diesem Thema, aus Kreisen der Bevölkerung mehr Input zu erhalten. «Nur wenn die Wünsche bezüglich Kinderbetreuung auch an den Rat herangetragen werden, können wir abschätzen, was im Dorf wirklich gefragt ist.»
Nicht nur in der Politik, auch bezüglich Entwicklung der Gemeinde ist sein Blick nach vorne gerichtet. Eines der Vorzeigeprojekte ist dabei die Überbauung Hermet, wo konsequent auf Giebeldächer gesetzt wurde. Wieso aber will er im Gegensatz dazu auf der Dorfwiese unattraktive Häuser mit Flachdächern bauen lassen? «Ob attraktiv oder nicht, da gehen die Meinungen auseinander. Flachdächer haben wir ja auch an der Aachstrasse und im Industriebereich», sagt Götte dazu. Der Gemeinderat seit der Meinung, dass es bei dieser Menge Wohnungen, nämlich 70, einen für sich abgeschlossenen Dorfteil geben dürfe, bei dem aber selbstverständlich ein passender Übergang ins Dorf realisiert werden müsse. «Tübach gehört ohne Zweifel zu einem urbanen, stadtnahen Gebiet, da darf auch eine moderne Bauweise vertreten werden», so der Gemeindepräsident. Momentan ist das Projekt beim Kanton in der Vorprüfung. Götte hofft, dass Eigentümer und Gemeinderat, parallel zur öffentlichen Auflage, eine Informationsveranstaltung durchführen können.

Tübach liebäugelt mit Seebus

Überdurchschnittlich stark beschäftigt hat sich Tübach in den vergangenen Jahren mit dem Thema Energieversorgung. «Wir arbeiten eng mit den Technischen Betrieben Goldach zusammen. Bezüglich Einkauf, Ausrichtung oder Förderungsmassnahmen sind wir autonom, doch wenn es um Leitungen oder Technisches geht, machen das die TB Goldach.» Wäre das Regiowerk realisiert worden, so Götte, wäre Tübach in einer Form dabei gewesen. «Nun müssen wir schauen, wohin uns der Weg bezüglich Energie führt.»
Die Nichtverwirklichung vom Regiowerk ist eine der wenigen von Tübach direkt spürbaren Auswirkungen des Neins zu einer Fusion zur «Stadt am See». Wäre die Fusion zustande gekommen, hätte sich laut Götte die Frage gestellt, ob sich Tübach künftig mehr in Richtung St. Gallen oder mehr in Richtung der neuen «Stadt am See» orientiert. Bis anhin geht die ältere Generation eher in die Region Rorschach zum Einkaufen oder zum Arzt. Die Jüngeren, egal ob Ausgang oder Arbeit, seien eher nach St. Gallen orientiert. Tübach habe aber auch in Richtung Steinach, Horn und Arbon viele Berührungspunkte; nicht zuletzt, weil Gemeindepräsident und Schreiber ihre Wurzeln in Steinach hätten.
Auch wenn die «Stadt am See» nicht kommt, ist für Götte klar, «dass die Region auf möglichst vielen Ebenen zusammenarbeiten muss. Insbesondere die Verkehrsproblematik können Städte und Gemeinden nicht alleine lösen; auch nicht Rorschach». Bezüglich öffentlicher Verkehr wäre Tübachs Einbindung in den Seebus die beste Lösung. «Ich hoffe, dass mit der Erschliessung des Rietli Goldach auch die Schlaufe nach Tübach realisiert wird.»