Mit fünf Zeilen zum grossen Liebesglück

Zehn Jahre lang, bis zu ihrem Tod, hat Notker Angehrn seine MS-kranke Frau gepflegt. Dank einer Kontaktanzeige fand er mit Annemarie Schmid ein neues Glück. Mit 72 holen sie nun das nach, worauf sie beide jahrelang verzichtet haben.

TAGBLATT / Corinne Allenspach

Um ein Haar wäre es schiefgegangen. Annemarie Schmid hatte die Kontaktanzeige zwar gesehen, auf der «Treffpunkt»-Seite im Tagblatt. Und sie war auch sofort angetan vom «vitalen 70er», der eine «liebe Partnerin, etwas sportlich und mit Freude an der Natur» suchte. Aber just an diesem Tag waren ihre Enkel da. «Da konnte ich doch nicht anrufen», sagt die 72-Jährige, «was hätten denn die Kleinen gedacht.»

Die Zeitung verschwand versehentlich im Altpapier. Zum Glück sei die Anzeige eine Woche später nochmals drin gewesen. Die Rorschacherbergerin, die sich «ins Füdli chlübe» musste, rief an – und bereits beim ersten Rendez-vous funkte es. Das war vor einem Jahr. Seither haben Annemarie Schmids und Notker Angehrns Leben nochmals neu angefangen.

Ein Bijou für Mensch und Tier

Die beiden 72-Jährigen sitzen in Notker Angehrns Garten im Weiler Waldegg, an der Grenze von Mörschwil zu Tübach. Es ist ein herrlicher Sommermorgen, so dass sich das kleine Bijou, das hier entstanden ist, nachdem der ursprüngliche Bauernhof 2003 wegen eines Blitzschlags niedergebrannt war, von seiner besten Seite zeigt. Im Stall nebenan gackern die Hühner, die beiden Esel freuen sich übers frische Heu zum Frühstück. Sie habe zwar «nichts am Hut» mit Landwirtschaft, gesteht Annemarie Schmid, die in Rorschacherberg in einer stilvollen Eigentumswohnung wohnt: «Aber hier fühle ich mich sehr wohl.»

Notker Angehrn, Bauernsohn und bis zur Pensionierung als Redaktor auf der Tagblatt-Stadtredaktion tätig, streicht seiner Partnerin über den Arm. Manchmal kann er es nicht ganz fassen, dass sein Leben wegen fünf Zeilen Kontaktanzeige eine solche Wende genommen hat. Er grinst spitzbübisch: «Ich sage immer, ich fühle mich nicht mehr wie 20, aber wieder wie 21.»

Dabei bestand Angehrns Leben einst vor allem aus Verpflichtungen. Zehn Jahre lang war seine an Multiple Sklerose erkrankte Frau Friedel auf den Rollstuhl angewiesen. Er pflegte sie daheim liebevoll. Nach ihrem Tod 2013 habe er ein Jahr gebraucht, um sich neu zu orientieren. «Nach einer Zufallsbekanntschaft habe ich gedacht, es wäre schon schön, wieder jemanden an der Seite zu haben.»

«Man hat ihn nie für sich allein»

Bis er seine erste Kontaktanzeige aufgab, dauerte es aber nochmals eine Weile. «Wenn du nach fast 50 Jahren Ehe wieder suchst, musst du zuerst herausfinden, was du eigentlich willst.» Sicher war für ihn: Er wollte keine jüngere Frau. Dafür eine, die in der Region wohnt und rasch sein Umfeld kennenlernt. Annemarie Schmid seufzt. Das sei etwas, das sie zuerst habe lernen müssen: «Notker hat man nie für sich allein.»

Er hat eine grosse Familie mit vier Kindern und bald elf Enkeln, arbeitet viel im Garten, fährt als Freiwilliger fürs Rote Kreuz, geht jeweils als Fahrer und Hilfspfleger mit ins MS-Lager, pflegt Kontakte zu Kranken und leitet Ferienlager für ältere Landwirte. Für ihn eine Selbstverständlichkeit: «Solange es einem gut geht, kann man ruhig ein bisschen Sozialeinsatz leisten.»

Versäumtes nachholen

Dass es Notker Angehrn und Annemarie Schmid gut geht, ist unverkennbar. Oder wie er es formuliert: «Wir haben Spass aneinander und miteinander.» «Also wirklich», wirft sie mit gespielter Entrüstung ein, «du musst jetzt nicht so ins Detail gehen.» Um dann im gleichen Atemzug zu erzählen, was sie alles unternehmen.

Sie gehen oft auf Reisen, kochen zusammen, tanzen, wandern, gehen ins Kino. All das, was sie vorher nicht mehr tun konnten. Denn, so stellten sie beim ersten Kennenlernen fest, auch das verbindet sie: Die gelernte Pharmaassistentin war ebenfalls fast 50 Jahre verheiratet und pflegte ihren lungenkranken Mann bis zum Tod.

Am 11. August waren Notker Angehrn und Annemarie Schmid ein Jahr zusammen. Sie lachen. «Wir haben bisher jeden Monat am 11. gefeiert. Manchmal schon drei Tage vorher.» Das, so geben sie zu bedenken, sei vermutlich einer der grössten Unterschiede zu einer Liebe in jungen Jahren. «Wir geniessen es jetzt. Was will man fünf Jahre warten, dann ist das Leben vielleicht bald vorbei.»

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