Innenansichten eines Dorfes

WANDEL ⋅ Die Tübacher Kulturkommission arbeitet an einem Geschichtsbuch. Durch die Erzählungen von Dorforiginalen wird ein Stück Gemeindegeschichte wiederbelebt und auf Papier gebannt.

Birgit Koster Schöb im Gespräch mit den beiden Autoren Notker Angehrn (l.) und Fredi Kurth (r.). (Bild: Simon Roth)

TAGBLATT

Etwas chaotisch sei es bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Tübach zu- und hergegangen. Der Gemeindeammann habe damals vieles im Alleingang bestimmt, was in dieser Zeit jedoch üblich war. Und wenn ein Protestant gestorben sei, läuteten die Glocken nicht. Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Gemeinde Tübach mit Alltagsepisoden. Menschen wie Peter und Marie Zwicker-Geisser, die ihr Leben lang in Tübach wohnen, und Zugezogene wie Hans und Hulda ­Jakob erzählen aus ihrem Alltag und lassen tief in die Strukturen der Gemeinde blicken.

«Zwei Bücher zur Geschichte Tübachs existieren bereits», sagt Birgit Koster Schöb, Vorsitzende der Kulturkommission und Gemeinderätin. Nun gönnt sich das überschaubare Dorf also ein drittes. Statt sich auf die Beschreibung des Ortsbildes und der historischen Beleuchtung der Dorfentwicklung zu beschränken, zeichnen Lebensbilder den Blick der Tübacher auf ihre Gemeinde.

Verbundenheit mit der Gemeinde fördern

Facettenreich zeigt das Buch die Sicht von Alteingesessenen, Zu- und Wegzüglern auf. Der älteste Gesprächspartner geht auf die 100 Jahre zu, der jüngste ist kaum 30. Anekdoten berichten über den Streit mit der Nachbargemeinde Horn, die den Tübachern den Zutritt zur Badi verweigerte. Diese revanchierten sich, indem sie die Horner nicht auf dem Ruheberg schlitteln liessen. Oder als das ehemalige Restaurant Ruheberg noch nicht mit der Kläranlage verbunden war und sein Abwasser auf die Wiese ablaufen liess, bis es beim Nachbarn weiter unten auf dem Sitzplatz hervorquirlte. «Einen Zonenplan gab es 1962 noch nicht. Vieles geschah willkürlich, die junge Generation kann sich das gar nicht mehr vorstellen», sagt Koster Schöb. Was zunächst als Serie von Porträts für das Gemeindeblatt «Tübach Aktuell» geplant war, wird an einer Vernissage am 11. November der Öffentlichkeit in Buchform unter dem Namen «Tübacher Geschichten» präsentiert. Bis es so weit ist, müssen noch einige ­Gespräche geführt werden. Interviewpartner wie etwa Roger Stilz wohnen mittlerweile in Hamburg, wieder andere in Berlin oder Texas. «Mit dem Buch möchten wir das Interesse für die Gemeinde und die Verbundenheit mit ihr fördern», sagt Koster Schöb. Als Grafikerin kümmert sie sich um das Erscheinungsbild sowie die Fotos. Die Schreibarbeit übernehmen die beiden pensionierten Redaktoren des St. Galler Tagblatts, die Tübacher Notker Angehrn und Fredi Kurth.

Leute erzählen, ohne Blatt vor den Mund zu nehmen

Gut 30 Sichten auf das Dorf zeigen sie in ihren Porträts von Familien, Ehepaaren und Einzelpersonen. «Wir haben bewusst prägnante Charaktere ausgewählt», sagt Angehrn und Kurth ergänzt: «Es gäbe nochmals so viele Leute, die Interessantes zu erzählen haben.» Die Gespräche wurden jeweils in vertrauter Runde geführt. So hätten die Leute frei von der Leber weg gesprochen. «Es war wahnsinnig spannend, diese Geschichten von den Leuten zu hören», schwärmt Koster Schöb. So habe sie eine neue Perspektive auf das Dorf gewinnen können.

Nach gewissen Themen mussten die Autoren gar nicht erst fragen: «Die Schule war so prägend für die ältere Generation, dass sie von alleine davon erzählt haben», berichtet Angehrn. Viele hätten sich an den Lehrer Meyer erinnert, der von 1920 bis 1939 in der Gemeinde wirkte. Als autoritär und parteiisch beschreiben sie ihn. Auch körperliche Züchtigung habe er angewandt, um die Kinder zu disziplinieren. Ungeschönt zeigt das Buch den Wandel vom katho­lischen Bauerndorf, das seine Kirchglocken beim Todesfall von Protestanten nicht läutete, zum heutigen Pendlerdorf, das einem Tübacher zu eng wurde und deshalb nach Texas auswanderte.

Bis zur Buchvorstellung werden die Autoren mit der Kulturkommission zwei Jahre lang Geschichten gesammelt haben. Das Projekt lässt sich die Gemeinde gut 40 000 Franken aus dem Kulturfonds kosten. Mit einer Auflage von 1000 Exemplaren dürfte es für eine kostenlose ­Ausgabe in jedem Haushalt der 1400-Seelen-Gemeinde reichen.