Im Tübacher Garten Eden

Die Kulturkommission Tübach und die Familie Sigrist luden zu einem facettenreichen Tag des offenen Gartens in das Schwarzhaus. Sogar der Schnaps war eine Anspielung auf die Geschichte.

TAGBLATT / Beda Hanimann

Thomas Sigrist ist ein passionierter Gärtner. Jedes Jahr zieht er tausend Pflänzchen gross, mit Hingabe und Freude pflegt er seinen Garten. Und weil geteilte Freude für ihn doppelte Freude ist, öffnet er ihn gerne für neugierige Passanten. Das heisst: Er würde ihn jedem mit Freude zeigen, der bei ihm klingelt. Aber wer traut sich das schon, einfach so hereinzuschneien?

Mit einem Trick hat Sigrist nun die Hemmschwelle gesenkt. Zusammen mit der Tübacher Kulturkommission lud er am Sonntag unter dem Motto «Garten und Kultur» zum Tag der offenen Tür. Und obwohl sich der Wettergott als «lumpiger Cheib» zeigte, wie Sigrist launig anmerkte, folgten 100 bis 150 Besucherinnen und Besucher der Einladung.

Bischöflicher Rebberg

Angesagt waren Gartenführungen, historische Erläuterungen und Musik. Nach musikalischem Auftakt des Tübacher Hackbrettspielers Christoph Pfändler warf Notker Angehrn einen Blick in die Geschichte des verwinkelten Hauses auf dem Ruheberg, das als Schwarzhaus bekannt ist. Wie es zu diesem Namen kam, ist unklar. Sicher ist: Vor knapp 500 Jahren kaufte ein Hans Stürm dem Bischof von Konstanz das Grundstück «Die Halden» ab, das damals mit Reben bepflanzt war. 1668 ist das erste Gebäude dokumentiert. Es wechselte in der Folge mehrmals den Besitzer und wurde nach und nach erweitert. «Aber wir dürfen nicht denken, dass wir es da mit einem Schloss zu tun haben», sagte Angehrn. Das Schwarzhaus war lange Zeit ein einfacher Bauernbetrieb.

Zu seiner schlossartigen Aura kam es Ende des 19. Jahrhunderts nach einem weiteren Besitzerwechsel. Der international renommierte Zürcher Kammersänger Caspar Robert Hensler (1858–1952) baute Stall und Scheune zu Wohnraum um, liess einen Turm erstellen und einen imposanten Park im englischen Stil anlegen. Wenn im Sommer in London, seiner hauptsächlichen Wirkungsstätte, das gesellschaftliche und kulturelle Leben ruhte, zog er sich nach Tübach zurück – wo er 1952 auch begraben wurde. Sein Grabstein befindet sich noch heute im Schwarzhaus-Garten.

1959 kam das Haus in den Besitz der Familie Sigrist. Heute leben Thomas und Therese Sigrist, Thomas‘ Schwester sowie ein Sohn darin. Darin und daneben, genau gesagt. Die Umgebung muss sie geprägt haben, dem Garten und der Natur gehört ihre Liebe, und Sohn Christoph Sigrist ist wohl nicht zufällig Landschaftsgärtner geworden. Am Tag der offenen Tür führte er die Besucher durch die grossartig in den Südosthang gelegte, 5500 Quadratmeter grosse Anlage mit ihren unterschiedlichen lauschigen Sitzplätzen, wechselnden Ausblicken und längs und quer durch das Dickicht führenden Wegen. Ein Tübacher Garten Eden.

Musikalischer Brückenschlag

So pflegt die Familie Sigrist das von Hensler angelegte Gesamtkunstwerk weiter. In einer Freiluftschmitte kreiert Sigrist seit seiner Pensionierung als Mediziner filigrane Eisenobjekte, auch am Tag der offenen Türe fasste er ein paar heisse Eisen an und schmiedete vor den Augen der Besucher. Einen musikalischen Bogen vom Kammersänger zur Gegenwart schlug der Jazzchor Vocaljazzaffair mit seinem Auftritt. Und sogar die Festwirtschaft schaffte einen historischen Bezug: Im einstigen Rebberg schenkte Nachbar Christoph Ott eigenen Grappa aus.