Im Einsatz für Moldawiens Kinder

Marta Graf sitzt am Küchentisch in ihrer Wohnung in Tübach. Vor ihr liegen eine Schachtel moldawischer Pralinen und Töpferwaren aus dem osteuropäischen Land. Vorsichtig breitet sie eine Landkarte Moldawiens aus. An einigen Stellen sind Markierungen und Ortsnamen angebracht, die von einer erlebnisreichen Reise zeugen.
Seit Anfang Monat ist Marta Graf wieder zurück in der Schweiz. Die Reise nach Moldawien wurde vom Hilfswerk Terre des hommes für freiwillige Mitarbeiter angeboten. Ziel des Aufenthalt war es, einen Einblick in die Arbeit von Terre des hommes in Moldawien zu erhalten. «Zum einen habe ich grosses Interesse am Land, zum anderen möchte ich wissen, wofür die gesammelten Spenden eingesetzt werden», begründet die 70-Jährige die Motivation ihrer Reise.
Zurückgelassene Kinder
Die Reise begann in der Hauptstadt Chisinau und führte von dort aus in die Distrikte Falesti, Stefan Voda und Ungheni. Während des Aufenthalts wurden Zentren der Hilfsorganisation besucht, wo vernachlässigten oder benachteiligten Kindern Hilfe angeboten wird. «Manchmal handelt es sich nur um materielle Dinge, in einigen Fällen muss jedoch eine Pflegefamilie oder ein Platz an einer Schule gesucht werden», erklärt Marta Graf. Einen besonders prägenden Eindruck hinterlassen hat bei der Tübacherin ein Fall von zwei Kleinkindern, die an einer Hauptstrasse spielten. «Die beiden etwa fünfjährigen Kinder waren an einer stark befahrenen Strasse auf klapprigen Velos unterwegs. Ihre Schuhe waren so stark lädiert, dass sich die Sohlen beinahe abgelöst hätten.» Die Sozialarbeiter von Terre des hommes hätten darauf erstmal das Gespräch mit den beiden Kindern gesucht. Denn in solchen Situationen dürfe man ein Kind nicht einfach mitnehmen, sondern müsse die Familiensituation abklären und Schritt für Schritt vorgehen. «Sonst würde es so enden wie mit den Verdingkinder.»
Fälle wie jene der beiden Kleinkinder gebe es in Moldawien einige. Oft handle es sich um zurückgelassene Kinder von ausgewanderten Eltern. «Von vier Millionen Moldawiern lebt eine Million im Ausland – dies meist illegal. Für die Eltern ist es oft schwierig, die Kinder mitzunehmen. So leben diese Kinder häufig bei Verwandten, wo sie leider nicht immer in guten Verhältnissen aufwachsen.»
Problematische Roma-Familien
In Moldawien treffe man aber nicht nur auf Armut. «Auf den Strassen Chisinaus sieht man so manchen BMW und Mercedes.» Denn vor allem in der Hauptstadt gebe es einige wohlhabende Bürger. Im Gegensatz dazu fänden in Moldawien auch viele Roma ein Zuhause. «In einem Dorf im Distrikt Stefan Voda kommen auf 7000 Einwohner etwa 500 Roma. Roma-Familien sind meist problematisch. Die Väter sind oft Säufer, die Mütter prostituieren sich und die Kindern gehen nicht zur Schule. Auch das Betteln ist weit verbreitet.» Dieses zu verbieten mache jedoch wenig Sinn, denn bei einem Verbot würde die Anzahl Diebstähle sofort ansteigen.
Freiwilligenarbeit seit 1976
Marta Graf ist seit langem mit Problemen wie jenen in Moldawien vertraut, ist sie doch seit 1976 als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Freiwilligengruppe St. Gallen/Appenzell für «Terre des hommes» tätig. Zeitweise war sie sogar Präsidentin der Freiwilligengruppe. Neben den Terre-des-hommes-Zentren in Moldawien besuchte sie schon Standorte des Hilfswerks in Indien, Brasilien und Vietnam. Auch in der Schweiz setzt sich Marta Graf für Benachteiligte ein. So leitete sie mit ihrem Mann 25 Jahre lang das Blindenheim in St. Gallen. Zu Hause kümmerte sie sich nicht nur um ihre eigenen zwei Kinder, sondern auch um ein Adoptivkind und zeitweise um Pflegekinder aus der Schweiz, Algerien, Griechenland und Kamerun. Vor zwei Jahren nahm sie über den Sommer eine syrische Flüchtlingsfamilie auf und half ihr bei der Integrierung. Nächstes Projekt für Marta Graf ist der Weihnachtsverkauf für Terre des hommes auf der Kellen. Ans Aufhören denkt die engagierte Rentnerin noch lange nicht.

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