Fernsehreifer Seniorenausflug nach Leutschenbach

 

Für einmal war es keine Fahrt ins Blaue, sondern ins Graue. Denn ausnahmsweise zeigte sich Petrus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seniorenausflugs nicht gesonnen. Beim ersten Zwischenhalt oben auf der Hulftegg lohnte es sich sogar, für die paar Schritte zum Panorama-Restaurant den Schirm aufzuspannen. Aber Birgit Koster Schöb, die Organisatorin der Reise, bewies auch diesmal ein feines Händchen: Der Ausflug führte zur Produktionsstätte des Schweizer Fernsehens SRF nach Oerlikon, und in den Studios von Leutschenbach war das Wetter kein Thema.

Das mit der Fahrt ins Blaue hatte ohnehin nicht ganz funktioniert. Denn der Chauffeur von Bus Nummer 2 «verriet» die Reiseroute schon beim Start vor dem Gemeindehaus. Das bekam er von Gemeindepräsident, Michael Götte, eher jovial als vorwurfsvoll, immer wieder mal zu hören. Zur Ehrenrettung des Wagenlenkers sei aber erwähnt: ihn hatte niemand über das sonst so wohlbehütete Geheimnis unterrichtet. So fuhr also um 8.30 Uhr eine Reisegruppe im Car der Ahnungslosen Richtung Toggenburg, die andere wusste bereits, was sie erwartete. Der Anfang passte also zum Thema, hätte als Ansatz zu einem Fernsehfilm dienen können.

Das Reiseprogramm war dergestalt, dass es nur zwei Haltepunkte gab – Hulftegg und Leutschenbach – und somit die Zeit kaum einmal drängte. Beim Kaffee- und Gipfeli-Stopp packten einige bereits die Jasskarten aus. Das Fernsehstudio in Oerlikon, ein mächtiger, mehrstöckiger Bau, wurde via Hittnau und Uster um 11.45 Uhr erreicht – gerade rechtzeitig für das Mittagessen in der Kantine mit Salat, kräftig gewürztem Riz Casimir und einem auf der Zunge zergehenden Tiramisu. Hätte sich die kurvenreiche Route über die selten befahrene Hulftegg, mit Baustellen-Klippe für Carchauffeuse und Carchauffeur, für einen Dokumentarfilm geeignet, waren auch der Gesang der Tübacherreisegruppe und die Gitarrenbegleitung von Walter Thurnherr beinahe fernsehreif. Nur dass uns im separaten Kantine-Saal niemand entdeckt hatte.

In vier Gruppen ging es am Nachmittag durch die verwinkelten Gänge und Räume auf Besichtigung. Die Führung war so spannend, dass zumindest bei den fitten Gästen die zurückgelegten Kilometer kaum realisiert wurden. Einige durften sich als Moderatoren versuchen oder vom Teleprompter ablesen. Ab und zu kreuzte ein bekannter Mitarbeiter den Weg, so Urs Gredig, der am Abend den Dienstagclub zum Thema Nordkorea moderierte. Im entsprechenden Studio lag bereits das Namensschild von Walter Eggenberger bereit, dem ehemaligen St. Galler 10-vor-10-Sprecher. Genau, jenem mit dem Zeigefinger. Die vielen Lampen, die automatisch auf Schienen gleitenden Kameras, die digitalen Tricks bei der Bildgestaltung, die weit zurückgreifende Requisitenkammer, die materielle Herstellung von Kulisse – all das machte Eindruck. Dass die einzelnen Quizsendungen aufgezeichnet werden, war für viele keine Neuigkeit mehr. Schon eher, dass bei den Aufnahmen für «1 gegen 100» alle mit zwei Anzügen erscheinen und sie in der Mittagspause wechseln müssen, damit tatsächlich die Differenz von einer Woche Pause vorgetäuscht werden kann. Und die einzelnen Studios wirken viel kleiner als auf dem Bildschirm.

Auffallend, wie alle Angestellten freundlich grüssten, als ob wir die ersten Gäste gewesen wären. Auch bei den Gruppenleitern war keine Spur von Routine zu erkennen. «Wir sind sonst eben in die Produktion eingebunden und machen die Führungen aus Freude nebenbei», sagte Bettina Bielmann, welche im Sportressort die Einsätze der Reporter und Moderatoren koordiniert.

Auf der Heimfahrt, nach dem 16-Uhr-Apéro in der Kantine, wagte sich dann doch noch die Sonne hervor. Ein Stau verzögerte die Reise um eine Stunde. Doch nicht der dichte Verkehr um Zürich und Winterthur stoppte die Cars, sondern ein Unfall im Stephanshorntunnel in St. Gallen. Darob allerdings liess sich niemand mehr der 85 Reiselustigen die Laune verderben.

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