Fahrt ins Blaue wurde zur Wallfahrt

Der Seniorenausflug werde dieses Jahr etwas weiter führen als üblich, verriet Gemeindepräsident Michael Götte den Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon beim Start um 8.30 Uhr, und der Kaffeehalt sei im Toggenburg geplant. Nun, da blieb immer noch Spielraum übrig für Spekulationen, wohin die Reise dieses Jahr gehen würde, zumal Kaffee und Gipfeli dann jenseits des Ricken im «Rössli» von St. Gallenkappel serviert wurden. Göttes Geographiekenntnisse zog indessen niemand in Zweifel, dann schon eher die Bemerkung: «Hier war ich zuletzt vor 20 Jahren als Soldat am Kompanieabend» (ist er wirklich schon so alt?). Vom Glarnerland über die Schwyzer Bergwelt bis zum Zürcher Oberland blieben noch alle Varianten offen, ehe sich deutlich abzeichnete: Die Fahrt ins Blaue wird zur Wallfahrt nach Einsiedeln. Der Name dieses Ortes ist auf den heiligen Meinrad zurückzuführen, der dort im Jahre 835 eine Klause und eine Kapelle errichtet haben soll, um in der Einsiedelei Gott zu dienen.

So einsam wie Meinrad fühlt man sich in Einsiedeln schon lange nicht mehr. Nicht bloss, dass am 3. September die beiden Cars des Arboner Unternehmens Käfer mit 79 Tübachern neben dem Kloster parkierten. Hunderttausende erscheinen jährlich, um sich in der riesigen Benediktinerabtei umzusehen und um der Figur der Schwarzen Madonna zu huldigen. Einsiedeln ist der am meisten besuchte Wallfahrtsort der Schweiz.

Das erfuhren wir Tübacher bereits an der Diavision noch vor dem Mittagessen, ehe sich die Gesellschaft im Restaurant Tulipan niederliess und am Dreigang-Menü, unter anderem mit frischem Salat und Schwedenbraten, erfreute. Walter Thurnherr (Gitarre) und Alwin Bachmann (Gesang) sorgten nebenbei für musikalische Stimmung, auch wenn ein neues Tübacher Lied mit dem Text «Wir sind vom Bodensee vom schönsten Dörfli» noch nicht allen geläufig war.

Dass einige ältere Leute aus dem einst extrem katholischen Tübach diesen Pilgerort kennen, versteht sich. Für Tierarzt Viktor Bischoff war es sogar eine unerwartete Rückkehr an seine gymnasiale Bildungsstätte in den 1960-ern. Damals dürfte die Schule noch ausschliesslich von Buben belegt worden sein; heute sind mehr als die Hälfte Mädchen, wobei Latein immer noch Matura-Pflichtfach ist. Von den Wandelgängen des Gymnasiums ging es hoch zur Stiftsbibliothek mit 12‘000 handgeschriebenen Unikaten und ca. 230‘000 weiteren Bänden. Am imposantesten ist die vor 300 Jahren erbaute Kirche, deren Decken alle wichtigen Ereignisse des Christentums in extrem detaillierter Malkunst abbilden. Dies und vieles mehr erzählten nun auf dem Rundgang in drei Gruppen ebenso viele Benediktinermönche. Ihr Orden verpflichtet sich dem Grundsatz von Ora et labora, bete und arbeite. Da die Zahl der Pater von einst 200 auf aktuell 47 geschrumpft ist, sind zusätzlich 200 Angestellte im Kloster engagiert, welche die vielfältigen geistlichen und handwerklichen Aufgaben erledigen.

Gegen 16 Uhr war Aufbruch für die Rückfahrt. Das Reisegepäck bestand aus bleibenden Eindrücken, begleitet von entspannter Müdigkeit. Und irgendwann meldete sich auch Dankbarkeit für den stets bereichernden Ausflug, den die Gemeinde kostenlos anbietet.

 

Text: Fredi Kurth

 

Posted in: