«Die Kräfte reichen nicht mehr aus»: Das Tübacher Kloster muss schliessen

Die letzten sechs Schwestern des Klosters St.Scholastika in Tübach übersiedeln nach St.Gallen. Damit endet eine über 400-jährige Tradition. Mit dem Kloster Notkersegg haben die Kapuzinerinnen aber eine Anschlusslösung gefunden.

TAGBLATT / Roger Berhalter

Frau Mutter Gabriela Tinner und ihre Stellvertreterin Schwester Scholastika Beyeler machen einen Rundgang durch den Innenhof ihres Klosters. Wehmut wird spürbar, denn beide Frauen haben die Blütezeit des Tübacher Klosters St.Scholastika noch miterlebt. «Bei meinem Eintritt vor 58 Jahren war ich die 40. Schwester», sagt Tinner. Diese Szene wird so in einer Mitteilung des Bistums St.Gallen beschrieben. Gegenüber den Medien möchten die Schwestern keine Auskunft geben, sie fühlen sich dem Kontakt mit Medienleuten nicht gewachsen, schreibt das Bistum.

Die Kapuzinerinnen machen gerade eine schwere Zeit durch. Vor kurzem haben sie entschieden, ihr Kloster zu verlassen und nach St.Gallen zu ziehen. Die Blütezeit des Klosters St.Scholastika ist längst vorbei, von den einst 40 Schwestern sind noch sechs übrig geblieben, schon lange ist keine junge Frau mehr in die Gemeinschaft eingetreten.

Für die verbliebenen Schwestern in Tübach sei der Alltag in den vergangenen Jahren immer beschwerlicher geworden, sagt Claudius Luterbacher, Kanzler des Bistums St.Gallen. «Der Entscheid, nach St.Gallen überzusiedeln, ist ein Vernunftentscheid, der sich seit längerem abgezeichnet hat.» Die Klosteranlage sei für die sechs Schwestern zu gross geworden. Die Jüngste ist 75 Jahre alt, die meisten sind zwischen 80 und 90 Jahre alt. «Die Kräfte reichen nicht mehr aus, um das Kloster weiter zu führen.»

In St.Gallen sind die acht Schwestern wieder vereint

Wenn die Kapuzinerinnen Anfang April das Kloster verlassen, endet eine über 400-jährige Tradition. Das Kloster St.Scholastika gibt es seit 1617. Es entstand aus einem Zusammenschluss der beiden Mörschwiler Waldschwesternhäuser Hundtobel und Steinertobel und war damals noch in Rorschach angesiedelt.

Das Kloster St.Gallen bestimmte, dass die Frauen in den Kapuzinerorden eingebunden werden sollten. Die Industrialisierung und das Wachstum von Rorschach brachte zu viel Lärm in die kontemplative Klostergemeinschaft. Im Jahr 1905 wurde deshalb die heutige Klosteranlage in Tübach eingeweiht, «hier fanden die Kapuzinerinnen wieder die nötige Ruhe», schreibt das Bistum in einem geschichtlichen Abriss.

Nun müssen die Schwestern Tübach aus Vernunftgründen wieder verlassen, doch das hat für sie auch einen Vorteil: In St.Gallen wird die Gemeinschaft wieder vereint sein. Zwei der acht Tübacher Schwestern leben aus gesundheitlichen Gründen schon jetzt im Kloster Notkersegg, wo seit 2017 eine Pflegestation zur Verfügung steht.

«Die Schwestern sind froh, dass sie eine so passende Anschlusslösung gefunden haben», sagt Claudius Luterbacher. Beide Gemeinschaften gehörten der Kapuzinerinnen-Föderation St.Klara an, pflegten also eine ähnliche Spiritualität. «Das hilft», sagt Luterbacher. Es wäre für die Schwestern ein viel grösserer Schritt gewesen, in ein öffentliches Pflegeheim zu ziehen. Nichtsdestotrotz sei der Abschied von Tübach emotional.

Die Hostienbackmaschine weckt Interesse

Was mit der denkmalgeschützten Klosteranlage in Tübach passiert, ist laut Luterbacher noch offen. Die Wohnung auf dem Gelände bleibe bewohnt, auch die Gottesdienste in der Klosterkirche würden noch mindestens bis zum Sommer stattfinden. Wertvolle Kulturgüter würden evakuiert, und für die Hostienbackmaschine, die noch bis Ende 2018 in Betrieb war, gibt es laut Luterbacher schon Interessenten.

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