Berliner Orchesterluft schnuppern

Im Dezember hat Ivo Dudler das Probespiel für die Akademie der Berliner Philharmoniker bestanden – damit hat der Hornist aus Steinach gute Chancen, später eine Stelle bei einem renommierten Berufsorchester zu bekommen.

TAGBLATT / Bettina Kugler

Musikerkollegen nennen das Horn gern «Glücksspirale» und grinsen vielsagend. Dies, weil die hohen Töne eng beieinander liegen und nur mit viel Übung – oder viel Glück – sauber zu treffen sind. Entsprechend verbreitet ist unter Hornisten die Angst vor dem «Kiekser», der entsteht, wenn der Ton blitzschnell korrigiert werden muss. Ivo Dudler kennt diese Furcht durchaus. Doch er nimmt sie gelassen. «Manche beten», weiss er. Was auch hilft: es schlimmstenfalls nicht allzu tragisch zu nehmen. «Man darf sich vor einem Auftritt nicht auf die Angststellen fixieren», sagt Dudler und wirkt, rund eine Stunde vor dem Konzert, tatsächlich konzentriert, gut vorbereitet, ruhig.

Derweil füllt sich die Kirche St. Jakobus in Degersheim. Für viele ist das Dreikönigskonzert eine liebgewordene musikalische Einstimmung ins neue Jahr; wer einen Sitzplatz haben möchte, kommt zeitig. Ivo Dudler hat sich aufgewärmt und innerlich eingestellt auf Mozarts 3. Hornkonzert, das er gleich spielen wird, begleitet vom Wattwiler Orchester il mosaico in kleiner Besetzung. Auf dem Naturhorn, wie es zu Mozarts Zeiten in Gebrauch war. Nervosität ist ihm nicht anzumerken, jedenfalls nicht in diesem schönen, festlichen Rahmen.

Unter dem Fittichen der Besten

Sein Probespiel für die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker liegt erst wenige Wochen zurück – da ging es um einen wichtigen und entscheidenden Karrierekick. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg werden die Stipendiaten von Mitgliedern des Orchesters intensiv betreut. Sie bekommen Einzelunterricht, spielen in Kammermusikformationen, nehmen an Proben und Auftritten der Philharmoniker teil. So lernen sie, was es heisst, Teil eines Weltklasseorchesters zu sein. «Wenn ich mir gar keine Chancen ausgerechnet hätte, dann hätte ich mich wohl nicht beworben», sagt Ivo Dudler mit einer Mischung aus gutem Selbstvertrauen und Bescheidenheit. «Ich versuche, den Glücksfaktor möglichst zu minimieren.» So viel zum Thema «Glücksspirale».

Man merkt dem 21-jährigen, in Steinach aufgewachsenen Hornisten an, dass er kein Träumer ist, der blindlings nach den Sternen greift. Sondern ein ebenso begabter wie passionierter Musiker, der seine Möglichkeiten realistisch einschätzt und mit beiden Beinen im Leben steht. Dazu passt auch, dass er zunächst eine KV-Lehre auf der Gemeinde Tübach absolviert hat, parallel zum Jungstudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Er wusste, dass er Orchestermusiker werden will. Er wusste aber auch, wie gross die Konkurrenz ist. Und dass eine abgeschlossene Ausbildung Sicherheit und Selbstvertrauen gibt. Dass sie «den Glücksfaktor minimiert».

Hornisten sind Teamplayer

Zum Horn kam Ivo Dudler über den Umweg der Trompete; der warme Klang des Horns sagte ihm freilich mehr zu. Seinen ersten Hornunterricht bekam er mit zwölf an der Musikschule Goldach bei Enrico Cerpelloni, Hornist im Sinfonieorchester St. Gallen; Cerpelloni empfahl ihm das Jungstudium in Zürich. Von dort aus baute Ivo Dudler Kontakt nach Berlin auf; seit 2013 studiert er in der Hornklasse von Christian-Friedrich Dallmann an der Universität der Künste: ein Schritt hinaus ins Leben.

«In der ersten Zeit konnte ich mich ganz aufs Horn konzentrieren», erzählt er; «technisch habe ich da viel gelernt.» Doch Hornisten gelten als Teamplayer. So fand Ivo Dudler bald Anschluss, in Kammermusikensembles, als Aushilfe bei Orchestern in der Region Berlin: der Kammerakademie Potsdam oder beim Orchester der Komischen Oper, wo er im vergangenen Jahr ebenfalls ein Praktikum absolvierte. «Ich bin gern Teil eines Ganzen», sagt er, ob es nun im Orchestergraben ist, in einer kleinen Bläserformation oder als Solist von il mosaico. Und weil er nicht gern über die Köpfe der Leute hinwegbläst, erklärt Dudler dem Publikum in Degersheim vorab noch unkompliziert, was ein Naturhorn vom modernen unterscheidet.

Die «Seele des Orchesters»

Er mag die Rolle, die sein Instrument im Orchester spielt – für Robert Schumann war es die «Seele». Weil sich der Klang gut mischt, auch mit den Streichern, gilt es als Bindeglied, als «Schaltzentrale». Es hat einen grossen Tonumfang, eine breite dynamische Palette, kann sich dramatisch, auftrumpfend, schaurig geben. Aber auch schaurig schön und sehnsuchtsvoll: bei Brahms, Richard Strauss und Gustav Mahler. Stellen, denen Ivo Dudler mit dem Stipendium ein gutes Stück näher kommt.

Weitere Konzerte mit il mosaico: Heute 17 Uhr, kath. Kirche Rieden; 23.1., 20 Uhr, Schloss Rapperswil; 24.1., 17 Uhr, evang. Kirche Nesslau

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