Aus der Sucht in die Arbeitswelt

Unser Job bestimmt, wer wir sind. Das Erwerbsleben hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert, viele Menschen schöpfen ihre Identität aus der Arbeit. Umso markanter ist der Einschnitt, wenn jemand eine Arbeitsstelle verliert – für den Betroffenen selber sowie für sein Umfeld.
Der Mühlhof, Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation in Tübach, bietet seit zehn Jahren ein Einsatzprogramm mit integrierter Suchthilfe an. Das heisst: Ein spezifisches Angebot für Stellensuchende mit Alkoholproblem. An der gestrigen Jubiläumsveranstaltung haben die Verantwortlichen Einblick in dieses Programm gewährt.
In Arbeitswelt eingliedern
Gemeinsam mit dem kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit hat der Mühlhof das Einsatzprogramm mit integrierter Suchthilfe im Jahr 2004 gestartet – als erstes Programm dieser Art schweizweit. «Es war ein mutiger Schritt des Kantons», sagt Urs Thalmann, der das Zentrum seit 1999 leitet. Und gleichzeitig ein wichtiger: «Mit jedem Tag Arbeitslosigkeit verliert man an Kompetenzen und entfernt sich weiter weg vom Arbeitsmarkt.» Wenn zudem Sucht die Bewerbungskompetenz einschränkt und somit die Chancen auf eine Anstellung verringert, laufen Betroffene Gefahr, dass die Vermittlungsfähigkeit abgesprochen wird. In diesem Fall erbringt die Arbeitslosenversicherung keine Leistungen mehr. Auch wenn sich eine versicherte Person wegen der Alkoholproblematik behandeln lässt, gilt sie grundsätzlich als nicht vermittlungsfähig und wird von RAV-Taggeldern ausgeschlossen. An dieser Stelle setzt das Einsatzprogramm mit integrierter Suchthilfe des Mühlhofs ein. Dieses bietet einen kombinierten Aufenthalt mit Suchttherapie und Beschäftigung an. Die Klienten wohnen für sechs Monate auf dem Mühlhof und arbeiten dort beispielsweise in der Gärtnerei oder in der Holzwerkstatt. Das Ziel: Auf der Basis von Alkoholabstinenz die Vermittlungsfähigkeit zu steigern und die Personen wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Derzeit nehmen sieben Personen am Programm teil, Platz gibt es für zehn.
25 Prozent finden eine Stelle
Seit 2004 haben über 170 Personen das Programm durchlaufen. 25 Prozent davon haben innert drei Monaten nach Beendigung des Programms eine Anstellung gefunden. «Die Zahl scheint auf den ersten Blick klein», sagt Urs Thalmann. Verglichen mit ähnlichen Einsatzprogrammen und in Anbetracht der schwierigen Voraussetzungen sei der Wert aber sehr gut. Dieser Meinung ist auch Peter Kuratli, Leiter des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit. «Mit einer Anstellung kann man einem Menschen und seinem Umfeld viel geben», sagt er in seinem Referat an der gestrigen Jubiläumsveranstaltung. «Von solchen positiven Fällen sollten wir uns motivieren lassen.»
Über Kantonsgrenze tragen
An der Jubiläumsveranstaltung sind nebst Vertretern der hiesigen Gemeindeverwaltungen Fachleute und Vertreter der Kantone Thurgau, Glarus und Graubünden anwesend. Der Mühlhof wolle das Einsatzprogramm über die Kantonsgrenze hinaus bekanntmachen, sagt Tübachs Gemeindepräsident und Mühlhof-Stiftungspräsident Michael Götte. Das wünscht sich auch Zentrumsleiter Urs Thalmann. «Das Programm hat sich bewährt, die Nachfrage war in den vergangenen Jahren stabil.» Ausserdem plane der Mühlhof, die Vernetzung mit externen Arbeitgebern zu verstärken. So könnten Mühlhof-Klienten beispielsweise Schnuppertage in externen Betrieben absolvieren und möglichst nahe am Arbeitsalltag bleiben. «Das ist wichtig», sagt Urs Thalmann. «Denn wir wollen keine Insel sein.»

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