Auf der kalten Spur der «Gfrüürhüsli»

Bevor Tiefkühler erschwinglich wurden, teilten die Menschen Gefrierfächer in öffentlichen Häusern. Das ist noch gar nicht so lange her, trotzdem sind die Gebäude vielerorts in der Region in Vergessenheit geraten. Manchmal wissen nur noch die Dorfältesten davon.

TAGBLATT

«I mue no schnell i d’Gfrüüri.» Das hiess es früher zu Hause oft, bevor es losging mit dem Kochen. Denn damals, als Tiefkühltruhen noch nicht für jeden Haushalt erschwinglich waren, lagerten die Menschen tiefgefrorene Lebensmittel in Gemeinschafts-Kühlhäusern.

Den Tiefkühler teilen? Was heute schon fast surreal klingt, war auch in der Region Rorschach Realität. In fast jeder Gemeinde gab es Miet-Gefrierfächer. Wir sprechen von einer Zeit, die etwa vom Zweiten Weltkrieg je nach Gemeinde bis in die 1990er-Jahre gereicht hat. Die Kühlhäuser existierten in verschiedenen Formen. Mancherorts wurden sie von Genossenschaften in Quartieren betrieben, anderswo stellte die Gemeinde in öffentlichen Anlagen wie dem Schul- oder dem Feuerwehrhaus Gefrierfächer zur Verfügung. Ein Haushalt konnte ein Fach oder ein Abteil mieten und sein Gefriergut dort lagern.

Der Nachbar hat den Überblick

Mal eben schnell Schinkengipfeli, Eiswürfel für einen Drink oder Glace aus dem Keller holen? Das war damals Fehlanzeige. Je nachdem wo sich das Kühlhaus befand, stand ein eigenes Menu schneller auf dem Tisch als eine Fertigpizza aus der «Gfrüüri». Spannend waren jene Anlagen, deren Kühltrakt aus einem einzigen Raum bestand, der nur durch Gitter in Abteile getrennt war. Da war es ganz normal, dass man wusste, was auf dem Speiseplan der Nachbarn stand. Und das lange, bevor das Veröffentlichen von Essens-Bildern auf Snapchat, Instagram und Co. «In» wurde.

Warum es dann aber zum Niedergang des geteilten Gefrierens kam, kann Wikipedia erklären. Er begann in den 1970er- und 80er-Jahren, als Heimkühltruhen günstiger wurden. Dazu kommen weitere Gründe wie Ernährungsgewohnheiten, die sich im Laufe der Zeit geändert haben: «Durch die Abnahme der früher üblichen Hausschlachtungen und den zurückgehenden Gemüseanbau im eigenen Garten fielen in den Haushalten geringere Mengen Gefriergut an», heisst es im Online-Lexikon. Mit der Tatsache, dass viele der öffentlichen Gefrieranlagen in der Zeit auch noch hätten renoviert werden müssen, sei es für viele dann endgültig vorbei gewesen. Das gilt vermutlich auch für die Region Rorschach.

Um es vorweg zu nehmen: In den meisten Gemeinden sind die «Gfrüürhüsli» in Vergessenheit geraten. So scheint etwa die Zeit der öffentlichen Kühlhäuser in Tübach schon sehr lange vorbei. Auf der Gemeindeverwaltung konnte sich niemand daran erinnern, dass je so etwas im Dorf existiert hat.

Der Dorfälteste hilft weiter

Eine findige Gemeindeangestellte erkundigt sich jedoch bei einem der Dorfältesten Tübachs und sagt: «Vor Ewigkeiten gab es scheinbar so etwas im Zentrum. Man konnte dort Gefrierfächer mieten.» Wo genau das Häuschen, das wahrscheinlich schon längst abgebrochen worden sei, gestanden habe, wisse aber niemand mehr genau.

Auch bei der Gemeindeverwaltung Steinach hatte niemand mehr ein öffentliches Kühlhaus oder dergleichen in Erinnerung. Genaue Informationen in der Sache gab jedoch das Archiv der Gemeinde Goldach her: «1957 ist an der Frohheimstrasse ein fünf Mal zehn Meter grosses Gefrierhaus mit 108 Fächern errichtet worden», sagt August Spirig von der Bauverwaltung. «Es ging im Jahr 2000, damals wohl schon längere Zeit ausser Betrieb, in Privatbesitz über. Es dürfte dann als eine Art Partyhaus gedient haben.» Wenige Jahre darauf fiel es jedoch der Abrissbirne zum Opfer, jetzt stehen an der Stelle Wohnhäuser. Und Auf der Verwaltung von Rheineck erinnert sich ein dienstälterer Mitarbeiter an ein Gefrierhaus im Städtchen. In einem Gebäude an der Adlergasse habe es einen Keller gegeben, in dem Gefrierfächer eingerichtet waren. Das Haus stehe heute noch, jetzt befinde sich ein Gipsergeschäft darin. Die Kühlfächer seien wohl schon seit den 60er- oder 70er-Jahren nicht mehr in Betrieb oder gar ausgebaut.

Auch bei der Gemeinde Horn kann sich ein Mitarbeiter noch an ein «Gfrüürhüsli» erinnern. Es sei in den 90er-Jahren ausser Betrieb gegangen und habe sich bei der Liegenschaft der Bahnhofstrasse 6 befunden, «irgendwo in der Richtung, in der das Seniorenzentrum steht.»

Eugen Loepfe von der Stadtkanzlei Rorschach wühlt in seinen Kindeserinnerungen. Er glaubt, dass es im Osten der Stadt einmal ein solches Kühlhaus gegeben hat. Mehr weiss er aber nicht. Lokalhistoriker Otmar Elsener bestätigt das: «Am Öelmühleweg, gleich oberhalb des Gasthauses Alte Oeli gab es Gefrierfächer in einem Haus.» Laut einer langjährigen Anwohnerin sind die rund 40 Gefrierfächer vor etwa 20 Jahren herausgerissen worden, jetzt ist das Ganze ein Velo-Abstellraum.

«Damals waren die Kühlfächer begehrt!»

In Rorschacherberg kann der Zeitzeuge Martin Lehner weiterhelfen: «Es gab ein Gefrierhaus an der Kreuzung Bachwiesstrasse/Seebleichestrasse. Heute ist in dem Gebäude ein Sanitärgeschäft.» Die Kühlfächer gebe es schon seit Ende der 60er-Jahre nicht mehr, sagt Lehner. «Ich weiss aber noch, sie waren sehr begehrt.» Lehner will sich auch an ein zweites Gefrierhaus im Goldacher Zentrum an der St.Gallerstrasse erinnern. «Heute ist da eine Carrosserie.» Und auch in Buechen bei Staad habe es Kühlfächer gegeben. So spricht auch eine Angestellte der Technischen Betriebe Thal von einem einstigen Kühlhaus in Staad. «Und in Altenrhein gab es auch eines», sagt sie. «Es ist womöglich sogar noch in Betrieb.»

Das prominenteste Beispiel eines ehemaligen Gefrierhauses in der Region steht in Untereggen. Es wurde umgenutzt, eine Coiffeuse hat dort schon seit Jahren ihr Geschäft. Es ist in der Gemeinde immer noch als ehemaliges «Gfrüürhüsli» bekannt.

Hinweis

Erinnern Sie sich an die Gefrierhäuschen in der Region? Wo haben sie gestanden, wer hat sie genutzt? Schreiben Sie uns Ihre Geschichten und Erinnerungen an redaktionot@tagblatt.ch.

Bild: Das ehemalige Gefrierhaus in Untereggen steht noch und ist umgenutzt. Heute befindet sich darin ein Coiffeurgeschäft.

Posted in: