Alkoholsucht im Fokus

Die Tübacher Stiftung Mühlhof hat zu einer Fachveranstaltung über Suchttherapie eingeladen – rund hundert Personen nahmen teil. Auch ein reduzierter Alkoholkonsum könne den Betroffenen helfen.

TAGBLATT

Die Ostschweizer Fachleute trafen sich in der Lokremise St.Gallen, wo insbesondere Felix Schneider über gemachte Erfahrungen mit Zieloffenheit referierte. Schneider ist Leiter Suchttherapie und Rehabilitation am Mühlhof, dem spezialisierten Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation in Tübach. Der Nürnberger Suchtforscher Prof. Dr. Joachim Körkel war ebenfalls Ende November in der Lokremise zu Gast, wie es in einer Mitteilung der Veranstalter heisst.

Zieloffenheit fusst auf der Erkenntnis, dass verschiedene Wege aus der Abhängigkeit von Suchtmitteln führen können. ­Abstinenz ist dabei für viele die beste Lösung. Umfassende wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass die Abstinenz bei rund zwei Dritteln der Abhängigen kein realistisches Ziel ist, weil die Betroffenen diese nicht halten können oder diesen Weg nicht gehen wollen.

Reduktion realistischer als Abstinenz

Gemäss Expertenschätzungen lassen zudem 90 bis 95 Prozent der Alkoholabhängigen ihre Sucht nicht behandeln. Bei diesen Menschen mache ein realistischeres Ziel in Form der Reduktion des problematischen Konsums als Veränderungsoption mehr Sinn. Laut Suchtfachexperte Joachim Körkel könne so die Behandlungs- und Erfolgsquote gesteigert werden. Dies erfordere eine individuellere Behandlung der Sucht und stelle an die Patienten und die Fachleute höhere Anforderungen und eine Abkehr von dogmatischen Therapieansätzen.

Zudem können reduktions- und schadensmindernde Behandlungen als Brücken zur Abstinenz wirken. Die neue Ausrichtung zur Zieloffenheit hat gemäss Schneider, Leiter für Suchttherapie und Rehabilitation Mühlhof, für alle Beteiligten wesentliche Vorteile gebracht. Im Zentrum der zieloffenen Suchttherapie steht ein humanistisches Menschenbild. Die Würde der Patienten erfordert demnach, dass keine Behandlung gegen deren Willen vorgenommen wird und sie ihre eigenen Ziele in die Therapie einbringen sollen.

Das recherchierte und mit professioneller Unterstützung entwickelte Theaterstück «Zum Wohl!» fing die verschiedenen Facetten des Themas breit auf und zeigte die ganze Palette der negativen Auswirkungen des problematischen Konsums auf. Die Figuren durchliefen eine emotionale Achterbahn von Überforderung, Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Wut, Scham und Schuldgefühlen. Betroffen sind nicht nur die Abhängigen selber, sondern auch deren soziales Umfeld wie Familie, Freunde, Arbeitgeber und weitere mehr. Nach der Aufführung konnte das Publikum diskutieren, wo im Stück die Figuren anders hätten reagieren sollen. Die veränderten Szenen wurden anschliessend nachgespielt. Aus dem Publikum haben sich auch ehemals und aktuell abhängige Personen eingebracht und aus ihren Erfahrungen berichtet.

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