Von Lumpen zu Wertstoffen

Die grossen Hallen der Zingg AG an der Strasse Goldach–St. Gallen prägen das Industrieareal Meggenhus im Grenzgebiet Tübach/Mörschwil an der Bahnlinie und nahe des Autobahnanschlusses.
Von Lastwagen auf die Bahn
Dorthin bringen Zingg-Lastwagen besonders aus einem Umkreis von etwa 20 Kilometern, aber auch bis zu 80, in Boxen, Mulden oder Containern Stahl, Metalle, Holz, Kunststoffe und weitere feste Stoffe. Zudem liefern Private kleinere Mengen selber an.
27 Mitarbeiter, unter ihnen vier Lehrlinge, sortieren, bearbeiten und zerkleinern die nicht mehr Abfälle, sondern Wertstoffe genannten Materialien, bis sie sich zur Wiederverwertung oder als Energieträger eignen. Meistens innert nur 24 Stunden verlassen sie den Betrieb dann zum grössten Teil in Bahnwagen.
Weitere Sortierhalle
Abnehmer für Wiederverwertbares sind nach Auskunft von Erich Zingg, Eigentümer und Leiter des Unternehmens in der zweiten Generation, Stahlwerke hauptsächlich in der Schweiz, Metallschmelzereien im nahen Ausland (in der Schweiz gibt es solche nicht mehr), Kunststoffwerke, Papierfabriken oder für einen kleineren Teil Zwischenhändler. Was nicht so verwertet werden kann, geht als Brennstoff in die Zementindustrie oder in Kehrichtverbrennungsanlagen.
Alle Mitarbeiter haben eine Lehre absolviert. Sie kommen jedoch aus unterschiedlichsten Berufen und wurden im Betrieb für Recycling ausgebildet. Eine Lehre auf diesem Gebiet gibt es erst seit gut zehn Jahren. Zingg macht da seit Beginn mit, bildete den ersten Recyclisten in der Schweiz aus.
Der Betrieb verarbeitet auch grosse Stahl- und Metallteile. Er hat dafür eine Riesenschere, die mit entsprechendem Lärm arbeitet. Weil mehr Stoffarten zu entsorgen sind und Abnehmer diese noch feiner sortiert wollen, baute die Zingg AG jetzt eine zweite, über 60 Meter lange Sortierhalle. In ihr ist es weniger lärmig. Gleichzeitig investierte das Unternehmen in Umweltschutzmassnahmen. Eine Spaltanlage holt Öl oder Fett aus Wasser, Unterstände schützen Gebinde vor Nässe.
1920 in Rorschach begonnen
Das älteste Bild des Betriebes zeigt, wie eine Frau Bohner 1920 eingesammeltes Material mit Ross und Wagen auf das Areal an der Ecke Löwen-/Industriestrasse in Rorschach bringt. Auch wenn es damals beispielsweise um Textilien oder Knochen ging, als Behälter Kisten oder Fässer dienten und man von «Lumpensammlern» sprach, war das Ziel sehr ähnlich wie heute: Ausgedientes, aber noch Brauchbares weiterverwenden.
Aus der Verwandtschaft der Gründerin führte August Bohner den Betrieb weiter und verkaufte ihn – am gleichen Standort – vor 50 Jahren an Erich Zingg senior. Das Unternehmen wuchs besonders im Bereich Altmetall und verarbeitete solches auch beim Bellevue am Rand des Rorschacher Hauptbahnhofs, im Goldacher Rietli und in Staad.
Vor 30 Jahren, 1982, trat Erich Zingg junior nach einer Banklehre 21jährig ins Unternehmen ein. Dieses liess 1985 am angestammten Standort einen Neubau errichten. Trotzdem blieben Schwierigkeiten, wie der heutige Leiter berichtet: Platzmangel, Lärmprobleme in einem Stadtteil mit Wohnhäusern, kein Bahnanschluss. All das änderte sich 2001 mit Neubauten und Platzreserve im Tübacher Industriegebiet an der Bahn.
Familienbetrieb bleiben
In der Verwertung von Altstoffen sind immer mehr Grossunternehmen tätig, auch Zweigbetriebe von ausländischen. Erich Zingg ist zuversichtlich, dass die Zingg AG eigenständig weiterbestehen kann. Denn ein Familienbetrieb könne in etlichen Bereichen effizienter und flexibler arbeiten. Der Glaube an die Zukunft spiegelt sich in der Investition von nochmals einigen Millionen Franken in die Anlagen in Tübach.