Tübachs türkisches Rendez-vous

Michael Götte erwartete ein Treffen unter Amtskollegen auf Augenhöhe. Einen Austausch unter Dorfpräsidenten. Nichts ahnend stellte er Adapazarıs Bürgermeister Süleyman Disli bei dessen spontanem Besuch in Tübach die Frage, wie viele Einwohner seine Gemeinde denn habe. «Ich dachte, Adapazarı sei ein kleines türkisches Bergdorf. Tatsächlich ist der Ort ein klein bisschen grösser als Tübach», sagt Götte lachend. Zweihundertmal grösser.
«Unverhofft, aber spannend»
Wie kommt es, dass sich der Bürgermeister einer türkischen Metropole für ein Dorf am Bodensee interessiert? «Den Kontakt hat Ercan Atalay hergestellt. Wir arbeiteten zusammen bei der Hartchrom AG. Er erzählte mir nach meiner Wahl zum Gemeindepräsidenten, einer seiner Freunde übe diesen Beruf in der Türkei auch aus und meinte, ich solle mich doch bei Gelegenheit einmal mit ihm treffen», erzählt Götte.
Dies ergab sich unlängst, als Süleyman Disli seinen Schweizer Jugendfreund besuchte. «Wir gingen fünf Jahre lang gemeinsam zur Schule in Adapazarı, wo ich aufgewachsen bin. Dann verliess ich die Türkei, doch wir sind in Kontakt geblieben», sagt Ercan Atalay, der zurzeit in Adapazarı weilt. Als er die Chance für ein Treffen von Disli mit Götte sah, griff Atalay zum Telefon. Götte sagte spontan zu – Vorbereitungszeit blieb keine – und führte ein «unverhofftes, aber sehr spannendes» Gespräch mit dem Türken. Atalay fungierte als Dolmetscher.
Tübachs Bauten faszinieren
Obwohl Tübach im Vergleich mit Adapazarı ein Zwerg ist, zeigte sich Disli beeindruckt. «Vor allem die Überbauung Hermet faszinierte ihn. Er erzählte mir, dass in seiner Stadt ein grosses Problem in konzeptlosem Wachstum bestehe. Oft wird einfach gebaut, ohne vorher die Erschliessung der Gebiete zu planen – auf Grundstücken so gross wie Tübach», erzählt Götte. Eine Rundfahrt in Göttes Auto zeigte, dass es trotz aller Unterschiede Ähnlichkeiten zwischen den beiden Orten gibt. Tübach hat für ein Dorf seiner Grösse einen hohen Industrieanteil, ist aber nach wie vor auch landwirtschaftlich geprägt. Adapazarı hat sich von einer Hochburg der Landwirtschaft zur Industriestadt entwickelt, in der sich Firmen wie Autohersteller Toyota angesiedelt haben. Der Strom für die Industrie wird im erdgasbetriebenen Kraftwerk produziert, das rund neun Prozent des türkischen Stromnetzes oder auf die Bevölkerung hochgerechnet 6,6 Millionen Menschen versorgt.
Gastfreundlich und interessiert
Süleyman Disli war von Tübach und seinem Gemeindepräsidenten so angetan, dass er Götte – vorerst inoffiziell – in seine Stadt einlud. «Disli ist sehr an Partnerschaften mit Orten im Ausland interessiert. Er wollte vor einigen Jahren den St. Galler Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin dafür gewinnen. Dieser enttäuschte ihn aber sehr, weil er sich anders als Michael Götte weder gastfreundlich noch interessiert zeigte», erzählt Ercan Atalay, der dabei war. Ob es zu einem Besuch Göttes in Adapazarı kommt, ist offen. «Sicher ist: Für Fragen zur Türkei habe ich jetzt einen Ansprechpartner. Er darf auch gerne wegen Informationen zu Bauvorhaben auf mich zukommen.»
Über eine Partnerschaft nachzudenken – Tübach führt bereits eine mit dem deutschen Oberteuringen – wäre verfrüht und laut Götte etwas illusorisch. Tübach begäbe sich in illustre Kreise: Adapazarı ist Partnerstadt von Delft (Holland), Louisville, Kentucky (USA) und Shumen (Bulgarien).