Schlummerndes wecken

Der Tübacher Dorneggwald schlummert an diesem Tag nicht vor sich hin – 120 aufgeweckte Schulkinder bringen Lärm und Bewegung in das Gehölze. Sie nehmen am «Waldtag» mit acht verschiedenen Posten teil, den die Schule gemeinsam mit der Ortsbürgergemeinde veranstaltet. Vom Förster erfahren die Kinder, was im Wald alles wächst. Bei den Jägern gibt es ausgestopfte Tiere zu bestaunen und einen Hochsitz zu besteigen. Der Geschichtenerzähler lädt in sein verstecktes «Trollschloss». An der Grillstelle wird gemeinsam gekocht und auf einer Lichtung werden mit Holz und Moos kleine Städte gebaut.
Schule Untereggen als Vorbild
Der «Waldtag» ist kein normaler Schultag für die Kindergärtler und Primarschüler, sondern die Startveranstaltung für die neue Begabungsförderung der Schule Tübach. «Wir arbeiten seit einem halben Jahr an diesem neuen Projekt», sagt Schulleiter Michael Meyer. Die frühere Begabtenförderung, bei der nur einzelne Kinder gefördert wurden, sei ein Auslaufmodell. Gemeinsam haben die Tübacher Lehrkräfte nun ein neues Modell erarbeitet. Denn es sollen die Begabungen eines jeden Schulkindes entdeckt und gefördert werden. Es geht nicht um die Förderung von Hochbegabten, sondern schlicht um Begabungen. Die Schule Tübach übernimmt Elemente des Schulischen Enrichment-Modells, mit dem auch die Schule Untereggen seit Jahren arbeitet. «Wir haben uns bei den Kollegen der Schule Untereggen genau informiert», sagt Schulleiter Michael Meyer: «Unser neues Modell passt genau auf die Bedingungen an der Tübacher Schule.» Eine Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde Goldach bezüglich Begabungsförderung sei darum kein Thema.
120 Bäumlein gepflanzt
Begabungen schlummern in jedem Kind. Es braucht nur Möglichkeiten, Unterstützung und Ressourcen, um diese zu wecken. Das Ziel der Begabungsförderung ist, dass die Kinder lernen, eine selbstgewählte Aktivität über einen längeren Zeitraum hinweg selbständig zu verfolgen – und zwar im Rahmen des Stundenplans. In einem Zeitraum von rund zwei Monaten arbeiten die Kinder zwei Lektionen pro Woche an einem eigenen Projekt.
Dabei folgen sie dem 7-Schritte-Modell: Nach dem Impulstag im Wald wählen die 120 Schulkinder je ein Thema, das sie an diesem Tag am meisten interessiert hat. Dann formulieren sie Ziele und halten sie in einem persönlichen Lernvertrag fest. Sie sammeln Informationen dazu und versehen diese mit Quellenangaben. Nachdem sie die Informationen geordnet haben, entscheiden sie sich, wie sie ihr Projekt präsentieren möchten. Nach der Präsentation überprüfen die Kinder, ob sie ihre Ziele erreicht haben. Dabei werden sie von den Lehrkräften unterstützt.
Ihre Erfahrungen halten die Kinder in einem Tagebuch fest, das sie über alle Schuljahre hinweg begleiten soll. Und auch der Impulstag im Wald soll nachhaltig wirken: Alle 120 Kinder durften nämlich ein eigenes Bäumlein pflanzen, das in den nächsten Jahren kräftig wachsen darf.