Patriotisches vom Rednerpult

Am Nationalfeiertag gehört es nach wie vor zum guten Ton, sich ein paar Gedanken über unser Land zu machen. 1.-August-Ansprachen sind zwar nicht zahlreich, aber auch längst nicht «out».
Bratwurst und Cervelat, Raketen und Lampions, Festbänke und Kühlschrank – die Bestandteile einer Bundesfeier sind landauf, landab in etwa die selben. Oft gehört die Bühne für den Chor oder die Musikgesellschaft dazu, vielleicht auch ein Haufen Holz für einen Funken. Ab und zu findet sich auch noch ein Rednerpult im Festareal.

Patriotische Worte zum Nationalfeiertag – ist denn das noch zeitgemäss? Die Frage darf man wohl mit ja beantworten, denn nach wie vor finden sich nicht nur Redner (und selten: Rednerinnen)für die Feier, diese Redner finden auch ihr Publikum. Das kommt nicht von ungefähr: Wer angefragt wird, eine Ansprache zum Nationalfeiertag zu halten, betrachtet dies in aller Regel als Ehre und gibt sich Mühe, seinen Zuhörern etwas Gehaltvolles, etwas Besinnliches mit auf den Weg zu geben – ohne langweilig zu werden.

Eine Anfrage der Ehre
Doch wie kommt man zu der Ehre, ans Rednerpult treten zu dürfen? Bei Pater Adrian Willi war ein Auftritt ausserhalb seines Seelsorgeverbandes ausschlaggebend. Er predigte im Juni an einem Feldgottesdienst in Waldkirch und wurde dort gleich vom Männerverein und Kirchenchor als 1.-August-Redner verpflichtet. Der Journalist und Autor Peter Beerli wurde von den Schützen als Redner in Rorschacherberg eingeladen, weil er Geschichten verfassen kann. In Rorschach haben die Veranstalter pauschal beim Stadtrat angefragt, Guido Etterlin, der sein Amt als Schulratspräsident und Stadtrat gerade angetreten hat, nahm die Einladung gerne an. Nicht nur, weil er als einziger Stadtrat überhaupt da ist: «Ich finde es wichtig, dass der 1. August nicht nur ein Bierfest ist. Gedanken zum Nationalfeiertag gehören einfach dazu.»

Wer zuerst fragt, hat Zuschlag
Kantonsrat Andreas Zeller wurde vom Evangelischen Pflegeheim Bruggen angefragt, unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass er für Peter Weigelt in den Nationalrat nachrücken wird. Zeller, der es vor fünf Jahren mit einer kämpferischen Rede (es ging um den Standort des Bundesverwaltungsgerichtes) sogar in die Nachrichtensendung «10vor10» schaffte, sagt dem zu, der zuerst fragt. Der neue Gemeindepräsident von Tübach, Michael Götte, nutzt das Podium der Nationalfeier, um in seiner neuen Funktion selbst einige Worte an seine Bevölkerung zu richten.

Für Götte ist klar: Er wird ohne Manuskript in Mundart sprechen, Autor Beerli dagegen wird seine Ansprache in Hochdeutsch vortragen. Guido Etterlin ist noch hin- und hergerissen, «wenn auch ausländische Zuhörer da sind, werde ich mich wohl für Hochdeutsch entscheiden».

Eine zündende Idee für ihre Ansprache haben alle angefragten Redner bereits, zu Papier gebracht und geordnet werden die Gedanken aber meistens erst im letzten Moment. Nur Michael Götte kommt ohne Papier aus, und die Fünf-Minuten-Ansprache von Peter Beerli ist schon geschrieben.

Grundwerte in 15 Minuten
Andreas Zeller möchte in seiner vielleicht zwölfminütigen Ansprache zwei Botschaften platzieren: Uns Schweizern geht es besser, als wir wahrnehmen; und wir sollten mehr Mut aufbringen, um Probleme zu lösen, statt sie zu verschieben. Adrian Willi will ethische Fragen anhand von Stichworten wie Globalisierung, Terrorismus oder Güterverteilung erörtern, aber auch erwähnen, dass St. Gallen einst in fränkischer Zeit das Zentrum Europas war. Peter Beerli wird Heimat und Geborgenheit thematisieren, Michael Götte wird Zeilen aus dem Schweizer Psalm kommentieren. Guido Etterlin möchte über Werte wie Freiheit und Toleranz und Grundrechte sprechen. Die Kunst dabei sei, «alles in maximal 15 Minuten zu packen».