«Offenheit ist für einen Musiker das Wichtigste»

Das Hackbrett gehört ganz selbstverständlich zur Appenzeller Volksmusik. Für die meisten ist es aber noch immer ein aussergewöhnliches Instrument. Warum wollten Sie ausgerechnet Hackbrett lernen?

Christoph Pfändler: Als ich zehn Jahre alt war, wollte meine Mutter unbedingt, dass ich ein Instrument lerne. Blockflöte fand ich langweilig, Klavier auch… Mein Vater spielte Hackbrett in einer Appenzeller Streichmusik. Ich dachte: Wenn sowieso schon ein Hackbrett da steht und ich es cool finde, wenn mein Vater spielt, probiere ich es mal aus.

Spielten Sie damals noch ausschliesslich Volksmusik?

Pfändler: Ja, denn es gibt ja eigentlich keine andere Musik fürs Hackbrett. Ich hatte aber von Anfang an Töbi Tobler als Lehrer, der mir Zugänge zu anderen Musiksparten ermöglichte. Bei jedem anderen Lehrer wäre ich wohl Meditations-Hackbrettler geworden (lacht). Als ich etwa zwölf Jahre alt war, gab mir mein Vater eine Liveaufnahme eines Konzerts, in dem Töbi Hackbrett spielte und von E-Gitarre und Kontrabass begleitet wurde. Ein Stück haute mich um. Es ging richtig ab. Ich nahm die Platte in meine nächste Stunde mit und sagte: Dieses Stück will ich lernen. Er sagte: Also gut, das geht so. Ich spiele es heute noch an jedem Konzert.

Später wurden Sie Heavy-Metal-Fan und gründeten die Metal Kapelle, die kaum Volksmusik spielt, sondern Rock, Metal und Pop im Volksmusikgewand. Leidet Ihr Instrument mehr als jene anderer Musiker?

Pfändler: Auf dem Hackbrett, auf dem ich gelernt habe, habe ich zehn Jahre lang gespielt, und nun musste tatsächlich ein neues her. Statt Holzblümchen sind darauf Symbole aus der Black-Death-Metal-Szene zu sehen.

Auch wenn heute viele Musiker mit Volksmusik experimentieren, ist die Kombination von Metal und Volksmusik ungewohnt. Sind Sie mit Ihrer Musik auch schon auf Widerstand gestossen?

Pfändler: Früher war ich immer darauf gefasst, dass es passiert. Aber es ist nicht so. Meine Konzerte beginne ich meist mit Appenzeller Stücken, einem Zäuerli, einem Ländler, dann drifte ich ab, schliesse aber wieder mit einem Zäuerli. Aber Widerstand kommt schon vor: Meines Wissens bin ich der Einzige, dessen Hackbrett nach vorne zum Publikum geneigt ist statt zu mir hin. Das hat zwei Vorteile: Ich hänge mit den Ruten weniger schnell ein, und das Publikum sieht mehr. Einmal, als ich mit der Popband Kunz im Schweizer Fernsehen auftrat, stand beim Pissoir einer der Sängerfreunde neben mir und sagte: He du! Warum spielst du vorne runter? Ich so: Es sieht besser aus, und meine Ruten halten länger. Er sagte aber: So spielt man nicht Hackbrett. Solche Kommentare machen mir nichts aus, aber ich dachte: Halt die Fresse, ich sag dir auch nicht, wie man jodelt.

Was halten Sie denn von der traditionellen Schweizer Volksmusik?

Pfändler: Ich habe mich lange gegen die Volksmusik gewehrt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir mit dieser Haltung nur selber im Weg stehe, denn viel Musik für Hackbrett ist halt Volksmusik. Irgendwann habe ich dann gesagt, ach komm… das ist doch gar nicht so schlecht. Jetzt erweitere ich in diesem Bereich mein Repertoire, ich höre viel Volksmusik, aber nicht nur schweizerische, sondern auch schwedische und finnische.

Beim Stichwort Hackbrett denken viele an Nicolas Senn, der häufig im Schweizer Fernsehen zu sehen ist. Kennen Sie sich?

Pfändler: Ja, wir kennen uns ziemlich gut. Er ist genauso, wie er im Fernsehen rüberkommt: en ganz liebe Siech. Vor ein paar Jahren habe ich ihn an einem Konzert von Bligg vertreten. Im Volkshaus Basel, 3000 Leute, kreischende Teenies, dann steht Bligg da und ruft: Und am Hackbrett – de Christoph Pfändler! Alle kreischen, die ganze Halle, aber du weisst: Sie kreischen, weil Bligg es gesagt hat, nicht weil du es bist. Deswegen hielt sich die Freude in Grenzen. Aber es war eine gute Erfahrung. Trotzdem, als sie ein zweites Mal anfragten, sagte ich ab. Es ist nicht meine Welt.

Im September findet in Zürich die «Stubete am See» statt. Was halten Sie davon?

Pfändler: Ich trete dort auch auf. Es ist super, dass auch in Zürich ein solcher Anlass stattfindet. Sonst sind wir meistens in der Innerschweiz, dort also, wo die Volksmusik sowieso schon ist. Weil der Anlass in der Tonhalle stattfindet, sind viele klassische Musiker dabei. Und da muss ich schon sagen, wenn Klassiker Volksmusik spielen, tönt es oft zu brav und langweilig, die Geigen sind zu lasch, zu rein, man denkt sich: Jetzt mach doch mal einen Schlirgg, spiel aggressiver! Aber eben: Nur dank solcher Anlässe kann man herausfinden, was funktioniert und was nicht.

Sollte es solche Anlässe nicht auch in der Ostschweiz geben?

Pfändler: Die sollte es überall geben. Aber hier gibt es natürlich die normalen Stubete, und das ist das Allerschönste überhaupt. Wenn ein alter Geiger sagt: Spieled me no e Wälzerli in G-Dur, dann wissen alle, es ist im Dreivierteltakt, diese und jene Akkorde kann ich verwenden – und dann geht es los.

Wer Klavier oder Geige spielt, hat ein unüberblickbares Repertoire. Beim Hackbrett ist es anders. Muss man fast selbst komponieren, so wie Sie es tun?

Pfändler: Ich finde schon, ja. Natürlich, wenn man auf Appenzeller Volksmusik steht, hat man endloses Material. Aber ich mache ja Musik, für die es kein Repertoire gibt, ich muss selbst komponieren.

Wie gehen Sie dabei vor?

Pfändler: Viel Inspiration bekomme ich beim Musikhören. Mittlerweile höre ich aus fast jeder Sparte etwas. Vom Metal bin ich eher weggekommen, er ist langweiliger geworden. Offenheit ist für einen Musiker das Wichtigste überhaupt.

Können Sie Musik noch einfach geniessen, oder analysieren Sie sie ständig?

Pfändler: Es fällt mir halt auf, wenn es plötzlich ganz speziell tönt. Dann spule ich zurück und höre nochmals genau hin, welche Akkorde gespielt werden, wie die Melodie geführt wird und was der Bass genau macht.

Wer Musik zum Beruf macht, geht ein Risiko ein. Ein Musikstudium ist nicht gerade Garant für eine sichere Zukunft.

Pfändler: Als Absicherung mache ich das Lehrdiplom für Hackbrett, aber mein Ziel ist nicht, hauptsächlich zu unterrichten, sondern höchstens einen Tag und ansonsten als freischaffender Künstler tätig sein zu können.

Gab es je einen «Plan B», falls es mit der Musik nicht klappen sollte?

Pfändler: Nein. Ich begann eine Elektronikerlehre. Der Plan war, nach dieser Lehre Musik zu studieren. Ich wusste aber schon am zweiten Lehrtag, dass das nichts wird, es interessierte mich zu wenig. Das erste Jahr machte ich fertig, dann begann das Musikstudium.

Haben Sie musikalische Vorbilder? Und Bands, mit denen Sie einmal spielen wollen?

Pfändler: (überlegt) Vielleicht Lemmy Kilmister, der Bassist von Motörhead. Es gibt eine schöne Doku über ihn. Er sagt darin: Alle anderen spielen so – und spielt ganz leise. Ich aber spiele so – dreht den Verzerrer auf, und dann spielt er drauflos, wahnsinnig laut. So bin ich auch (lacht). Spielen würde ich gerne mit Stiller Has oder Jolly & The Flytrap. Oder natürlich mit Chris von Rohr und Krokus.

Sie sind noch jung – gibt es für Sie eigentlich nur das Hackbrett…

Pfändler: Ja.

…oder machen Sie in der Freizeit anderes?

Pfändler: Nein. Im Ernst: Es gibt hundert Sachen, die ich verbessern kann. Ich mache viele Schlagzeugübungen, die verschiedenen Schlagtechniken bringen viel. Ich treffe mich aber auch gern mit Kolleginnen. Sonst höre ich viel Musik, schreibe Musik, mache Musik. Es ist fast ein wenig langweilig (lacht).