Oben Asyl, unten Nothilfe

Kurz vor Mittag beim Empfang im Gemeindehaus: Der feine Duft eines asiatischen Gerichts breitet sich aus. Die Spur führt in die Wohnung ein Stockwerk höher: Zwei Tibeter stehen in der Küche und bereiten eine Spezialität ihres Heimatlandes zu. Die beiden leben seit vier Monaten in der Wohnung im Gemeindehaus – hier residierte vor Jahren auch der ehemalige Gemeindepräsident Roger Hochreutener. Die sechseinhalb Zimmer verteilen sich auf zwei Stockwerke, zwei grosse Balkone stehen den insgesamt sechs hier lebenden Asylsuchenden zur Verfügung.
Alle unter einem Dach
«Der gemeinsame Alltag unter einem Dach funktioniert problemlos», sagt der Gemeindepräsident Michael Götte. Die Bewohner seien sehr zuverlässig und würden sich an die Hausordnung halten, sagt Cornelia Widmer, Leiterin des Sozialamts. Immer wieder gebe es bereichernde Begegnungen zwischen Büro und Wohngemeinschaft. Zum Beispiel als sie mit einem Asylsuchenden besprach, wie in Schweizer Pfannen gekochter Reis schmeckt. Oder als die Gemeinde den Bewohnern Fahrräder schenkte und diese gemeinsam vor dem Gemeindehaus das Fahren übten.
Anfangs habe er gezögert, die Asylunterkunft in das Zentrum des Dorfes zu verlegen, erzählt Michael Götte. Der ehemalige Standort an der St. Gallerstrasse 40 musste aufgegeben werden, weil die Zingg Industrieabfälle AG das Mietverhältnis kündigte. Da er keine Wohnung finden konnte, griff der Gemeinderat auf jene im Gemeindehaus zurück. Für diesen Entscheid erhielt Michael Götte nicht nur positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Im Kantonsrat habe es augenzwinkernde Bemerkungen gegeben, dass ausgerechnet ein SVP-Politiker die Wohnung des Gemeindepräsidenten zu einer Asylunterkunft umwandle, erzählt Michael Götte schmunzelnd. Ihm sei aber wichtig, dass in Tübach eine gute Unterkunft für Asylsuchende angeboten werde.
Seit Tagen in der Kritik
Doch genau für seine Asylpolitik steht der Gemeindepräsident seit Tagen in der Kritik: Die Geschichte einer abgewiesenen ehemaligen Asylsuchenden bewegt die Bevölkerung. Weil sich die Frau jetzt illegal in der Schweiz aufhält und deshalb nur noch Anspruch auf Nothilfe hat, wird sie in Tübach nicht in der Asylunterkunft, sondern im Zivilschutzkeller unter dem Gemeindehaus untergebracht.
Seit die Situation der jungen Frau medial diskutiert wurde, erhielt der Gemeindepräsident unzählige Telefonate und E-Mails von empörten Menschen. «Ich habe mich bei allen persönlich gemeldet und die Situation erklärt», sagt er. «Die Gemeinde Tübach hält sich an Richtlinien, die sich auf die eidgenössische Gesetzgebung stützen.» Die Gemeinde biete der jungen Frau entsprechend eine Notschlafstelle mit minimaler Ausstattung. In vielen Gemeinden werde diese sogar nur nachts zur Verfügung gestellt, erzählt Götte weiter. «Da sind wir in Tübach grosszügig und gewähren 24 Stunden lang Zutritt.»
Unterschriften gesammelt
Dass der Gemeinderat trotz Richtlinien einen Spielraum nutzen kann, zeigt der Entscheid, den Michael Götte jetzt fällt: Ab sofort muss die Nothilfeempfängerin ihr Nothilfegeld von acht Franken nicht mehr täglich abholen, sondern bekommt die 56 Franken wöchentlich ausbezahlt. Zu dieser Änderung beigetragen hat laut Michael Götte in erster Linie das Solidaritätsnetz Rheintal. Er habe eine Bestätigung erhalten, dass die junge Frau im Rheintal einen Nähkurs absolviere und an einem Deutsch-Sprachtreff teilnehme. Sie habe persönliche Kontakte im Rheintal und könne ab und zu bei einer Freundin übernachten. «Das ist für mich eine nachvollziehbare Begründung von offizieller Stelle, warum die Gemeinde das Nothilfegeld wöchentlich auszahlen soll», sagt Götte. Mit dem Entscheid antworte er zugleich auf eine Unterschriftensammlung, die Tübacherinnen und Tübacher am Montag bei der Gemeinde eingereicht haben.
Die abgewiesene Asylbewerberin wohnt weiterhin in der Notunterkunft, die von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wird. Eine Tübacherin hat ihr ein Zimmer bei sich zu Hause angeboten. Die junge Frau hat abgelehnt. «Ich will eigenständig bleiben und wünsche mir eine Wohnung», sagt sie.