Nervenkitzel am Pokertisch

Wer an Poker denkt, malt sich oft solche Szenen aus, wie sie sich in Westernfilmen im Hinterzimmer einer Bar abspielen, wo die Männer um schwindelnd hohe Beträge zocken. Etwas in der Art befürchtete auch Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte, als er hörte, dass im Industriequartier eine Pokerlounge eröffnet werden sollte. «Ich musste sofort an Mafiosi und andere zwielichtige Gestalten denken. Aber der Betrieb hier ist wirklich sehr seriös. Ich werde auch einmal mein Glück hier versuchen – in einem Anfängerkurs», sagt er bei der offiziellen Eröffnung lachend. Nicht nur das Klischee der Zwielichtigkeit, auch fast alle anderen Vorurteile werden in Jürgen Szabos Pokerlounge an der Wiesenstrasse 14 widerlegt. Als Hinterzimmer ist der Raum mit fünf grossen Tischen und einer Sitzecke samt Bar kaum zu bezeichnen. Verraucht ist die Lounge auch nicht, Glimmstengel sind verboten. Von gedämpftem Licht und Whisky ist nichts zu sehen. Nur ein Bier wird hin und wieder getrunken. Auch der finanzielle Einsatz der 30 Spieler am Eröffnungsturnier ist mit 59 Franken pro Person eher bescheiden.

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Poker wie ihn Szabo in Tübach anbietet, gleicht weniger einem halblegalen Glücksspiel als einem ernstzunehmenden Sport. «Betrunkene haben keine Chance, ein Turnier zu gewinnen, denn es erfordert viel Konzentration», sagt er. Jeder Spieler hat eine andere Technik, um diese aufrechtzuerhalten. Es gibt die Musiker, die sich vom iPod anspornen lassen, die Hypnotiseure, die schweigsam und mit starrem Blick auf den Tisch das Glück auf ihre Seite zwingen wollen, die Adleraugen, die jedes kleinste Zucken der Gesichtsmuskeln und jeden verunsicherten Blick ihrer Gegner registrieren, und die Coolen, die mit perfektem Pokerface am Tisch sitzen. Der einzige Spielertyp, der fehlt, ist der Sonnenbrillenträger – ausgerechnet das gängige Paradebeispiel für einen Pokerspieler. Herbert Scholz vom Gossauer Verein «Pokerfreaks», der immerhin einen Cowboyhut trägt, erklärt den Grund: «Die Sonnenbrille hilft nicht viel. Anfänger können höchstens ein paar nervöse Blicke dahinter verbergen.» Eine Sonnenbrille könnte also– entgegen der landläufigen Interpretation – nicht ein Zeichen von Coolness, sondern von Nervosität und schwer kontrollierbaren nervlichen Ausbrüchen bei steigender Spannung sein.

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Letztere liegt beim Pokern immer in der Luft – in den Westernfilmen ebenso wie in Tübach. Die Anspannung bei den Spielern steigt, als die zehn Finalisten nach vier Spielstunden um Mitternacht am Final Table um den Turniersieg pokern. Die Luft wird stickiger. Die Einsätze steigen, das Risiko auch. Die Karten ziehen jeden im Raum in ihren Bann. Denn trotz aller Klischees bedeutet Poker vor allem eines: Nervenkitzel.