Mittler zwischen Stadt und Land

Der neugestaltete Spielplatz an der Saxholzstrasse liegt etwas versteckt im Grünen. Der nahe Häftlibach plätschert friedlich, sogar der Sitzbagger im Sandkasten steht im Moment still. Eine Idylle mitten im Dorf Tübach. Für Kantonsrat und Gemeindepräsident Michael Götte symbolisiert der Spielplatz zweierlei: Einerseits steht er für das Ländliche, für Erholung und Freizeit, wie es Tübach und die Region bieten. Andererseits steht der Bagger für die Bautätigkeit im Dorf und für grundsätzliches Wachstum. «Der Spielplatz ist eine Oase, auf die wir stolz sind und der wir Sorge geben müssen. Und doch ist eine Entwicklung nötig», sagt er. Damit diese stattfinden könne, brauche eine kleine Gemeinde wie Tübach eine gewisse Gestaltungsfreiheit. Gerade diese wird in seinen Augen immer enger beschnitten.
Immer ungleicheres Verhältnis
Seiner Meinung nach verschiebt sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land im Kanton immer mehr – zuungunsten der kleinen Gemeinden. Verfolge man die Wahlen und Abstimmungen, zeige sich immer öfters, dass gut drei Viertel der 85 Gemeinden im Kanton eine andere Politik verfolgten als die städtischen Gemeinden. «Die Schere zwischen Stadt und Land öffnet sich immer weiter, das ist bedenklich», sagt Götte. Obwohl die Zahl der Bevölkerung der ländlichen Gebiete viel grösser sei, sei ihre Entscheidungsgewalt relativ beschränkt. Für Götte zeigt sich dies vor allem auch in der Diskussion um den neuen innerkantonalen Finanzausgleich und die künftig höheren Abgeltungen, die die Nachbargemeinden der Stadt St. Gallen künftig für zentralörtliche Leistungen bezahlen müssen. «Ich habe Verständnis für St. Gallens Forderung. Die Region Rorschach profitiert von der Stadt. Umgekehrt profitiert St. Gallen aber auch von der Region», sagt Götte. Die Region und Tübach trügen zur Attraktivität der Grossregion bei, nicht nur mit Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, sondern auch mit einem attraktiven Steuerfuss. «Ein solcher wertet die ganze Region auf», ist Götte überzeugt. St. Gallen profitiere noch weiter von Tübach und der Region. «Die Stadt hat durch uns auch Einnahmen. Die Menschen aus der Region arbeiten und konsumieren in der Stadt. Dadurch generiert sie wiederum Steuern.» Deshalb wehrt er sich auch gegen den Begriff Speckgürtel.
Kleine bezahlen immer mehr
Tübach müsste rund 80 000 Franken für zentralörtliche Leistungen an St. Gallen bezahlen, das entspricht 2,5 Steuerprozenten. «Andere Gemeinden werden die Abgaben stärker spüren, aber auch Tübach muss seine Aufgaben erfüllen», sagt Götte. Zumal offen sei, ob die Tübacher all die Leistungen St. Gallens wünschten. Nach dem Motto: «Wieso sollen wir etwas bezahlen, das wir gar nicht wollen?» Er befürchtet, dass bald auch Rorschach und Goldach Ansprüche anmelden könnten für Zentrumsleistungen.
So schwarz will Götte die Zukunft dann doch nicht sehen. Noch sei nichts entschieden. Mitte August findet die erste Sitzung der Vorberatenden Kommission statt, die Götte präsidiert. Er hofft, dass er, als Kantonsrat und SVP-Fraktionspräsident, die parlamentarische Diskussion dahingehend beeinflussen kann, dass «die Verteilung Stadt–Land stimmt».
Tübach ist fertig gebaut
In einem weiteren Punkt sieht Götte die Entscheidungsfreiheit der kleinen Gemeinde beschnitten. Aus Sicht des Kantons – er bestimme, wie viel Grünfläche bebaut werden dürfe – sei Tübach fertig gebaut. «Wir werden für längere Zeit kein neues Bauland mehr einzonen können. Das Gebiet Hermet war das letzte», sagt Götte. Auch die Baulandreserven sind erschöpft. Noch bleibt die Zentrumswiese nördlich der Kirche, für die eine Bebauung geplant ist. «In einigen Jahren wird es für Tübach schwierig werden, sich weiterzuentwickeln», sagt Götte. Ein gewisses Wachstum brauche es aber, um eine Abwanderung, besonders von jungen Familien, zu verhindern.
Der Spielplatz an der Saxholzstrasse übrigens ist Bauland. Michael Götte: «Diese Grünfläche wollen wir behalten. Das ist ein Luxus, den wir uns leisten.»