Mit Pinsel und Wattestäbchen

Die Spannung steigt im Labor. Nachdem Mitarbeiter der Kantonsarchäologie in Tübach ein Brandgrab gefunden und freigelegt haben, bringen sie die Fundstücke nach St. Gallen. Erst im Labor wird klar, wie alt sie sein könnten. Aufschluss geben Verzierungen und Rillen in den Keramikgefässen. Archäologe Pirmin Koch zeigt auf zwei kleine Löcher (siehe oben links im Bild). Dadurch wurden einst Fäden und Strohhalme gezogen. «Diese Verzierung lässt sich ganz klar der Spätbronzezeit zuordnen», sagt der Archäologe. Etwa 1000 vor Christus wurde des Gefäss ins Brandgrab in Tübach gelegt. Für Pirmin Koch handelt es sich zwar nicht um einen spektakulären, aber um einen äusserst spannenden Fund. «Bisher habe ich mich meist mit Fundstücken aus der römischen Zeit beschäftigt», erklärt er. «Aus der Spätbronzezeit gibt es im Kanton St. Gallen nicht viele Gräber, deshalb sind sie wissenschaftlich sehr spannend.»
Durch Zufall entdeckt
Das Brandgrab in Tübach wurde im vergangenen Frühjahr entdeckt (Tagblatt vom 11. Mai). Möglich machte es ein Zufall aus dem Jahr 1983. Beim Bau einer Telefonleitung fand ein PTT-Angestellter in einer Baugrube Keramikscherben. Er nahm sie nach Hause und liess sie dort 25 Jahre lang ruhen. Dann brachte er sie bei der Kantonsarchäologie vorbei. Diese nahm das Gebiet des Fundorts sofort in ihre archäologischen Schutzzonen auf.
Als nördlich der Tennishalle in Tübach Bauarbeiten für die Erweiterung einer Lagerhalle aufgenommen wurden, informierten die Bauherrschaft und die Gemeinde die Kantonsarchäologie. Ein Team begleitete die Arbeiten während dreier Tage und fand im lehmigen Boden eine leicht dunklere Grube. Beim genauen Hinsehen waren Knochensplitter eines menschlichen Skeletts und Reste von Keramikgefässen zu erkennen. Da die Gefässe aber sehr brüchig waren, mussten sie zusammen mit einem Block Erde geborgen werden. Die vollständige Ausgrabung ist nur im Labor möglich. Damit beschäftigt sich zurzeit Pirmin Koch – vorausgesetzt er befindet sich nicht irgendwo in der Region bei einer Fundstelle. «Die Ausgrabung im Labor hat den Vorteil, dass man mehr Zeit hat und nie dem Regen ausgesetzt ist», sagt er. In einem ersten Schritt wird der Block aus Erde so weit freigelegt wie möglich. Pirmin Koch fertigt eine massstabgetreue Zeichnung an und dokumentiert die Entwicklungsschritte fotografisch.
Mit Kunstharz festigen
Dann träufelt er eine Art Kunstharz auf die Keramikgefässe. Das Material saugt das Kunstharz ein und verfestigt sich dadurch. Eine weitere Schicht Erde kann abgetragen werden. Dann wiederholt sich das Prozedere, bis Gefäss um Gefäss herausgenommen werden kann. Eine Arbeit, die Geduld und Sorgfalt erfordert. Pirmin Koch arbeitet mit Pinsel und Wattestäbchen. Doch er betont: «Das ist nicht immer so. Bei den meisten Ausgrabungen arbeiten wir mit gröberen Hilfsmitteln.» Pirmin Koch arbeitet seit dreieinhalb Jahren bei der Kantonsarchäologie St. Gallen. Sein Fachgebiet ist die römische Zeit. Zurzeit ist er hauptsächlich in Kempraten unterwegs, wo jüngst ein römischer Kanal entdeckt wurde.
Im Depot aufbewahren
Mit dem Tübacher Brandgrab beschäftigt er sich im Labor. Es sind mehrere Keramikgefässe und Knochensplitter zum Vorschein gekommen. «In der Spätbronzezeit wurden die Verstorbenen in der Regel kremiert», sagt Pirmin Koch. Die Splitter werden im August nach Basel in ein Labor geschickt, wo Alter und Geschlecht der bestatteten Person noch genauer bestimmt werden sollen.
Und was geschieht mit den Keramikgefässen, wenn die wissenschaftliche Auswertung abgeschlossen ist? In der Regel werden solche Funde inventarisiert, gut verpackt und im Depot der Kantonsarchäologie aufbewahrt. Vielleicht zeige sich nach der vollständigen Freilegung der Gefässe aber auch, dass sie museumswürdig seien, sagt Pirmin Koch. «Dann könnten sie bald in einem passenden Museum bestaunt werden.»