Lehrling und Firmenchef zugleich

Die Gemeinde Tübach braucht einen neuen Internetauftritt. Diesen Auftrag erteilt sie aber nicht einer grossen Webdesign-Firma, sondern einem 18jährigen Tübacher. Fabrice Locher besucht das vierte Lehrjahr zum Informatiker bei der IFP Informatik AG in Goldach. Nebenbei ist er bereits Inhaber einer eigenen Firma. Contoweb gestaltet Webseiten für seine Kunden.
Vom Hobby zum Beruf
Dies, obwohl Locher sagt: «Als ich das erste Mal ums Erstellen einer Website gebeten wurde, hatte ich keine Ahnung davon. Nicht jeder Informatiker kann das, dazu ist die Branche viel zu riesig.» Zum Bereich Homepages gekommen ist Locher vor zweieinhalb Jahren. Damals war er noch Mitglied bei der Regionalen Jugendmusik Young Winds und wurde vom Vorstand angefragt, ob er nicht die Internetseite etwas auffrischen könne, jetzt da er ja Informatiker sei. Trotz des Mangels an Erfahrung habe er sofort begeistert zugesagt. Nach diesem ersten Auftrag bekam er plötzlich immer mehr Anfragen für Webseiten.
Mittlerweile ist das Erstellen von Webseiten nicht nur ein Hobby von Fabrice Locher, sondern sein professioneller Nebenerwerb. «Ich habe gemerkt, dass viele Leute einen Internetauftritt benötigen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Bei mir sollen die Kunden die ganze Verantwortung abgeben können.»
Ohne Schulden gestartet
Da ihn auch Unternehmensführung und Administration schon immer interessierten, entschied er sich, eine Einzelunternehmung zu gründen. Dafür habe der Bund eine sehr gut geführte Internetseite mit allen nötigen Formularen und einer Anleitung zum Vorgehen bei der Firmengründung. Locher holte sich aber trotzdem noch Rat bei anderen Unternehmensführern, denn das Management sei nicht zu unterschätzen. «Einen finanziellen Förderbeitrag für Jungunternehmer habe ich nie beansprucht, denn besonders viel Mobiliar braucht man anfangs nicht. Es war mir immer wichtig, dass ich unabhängig bleibe. Und sowieso, Schulden sind ja nie gut», sagt Locher.
Natürlich habe er anfangs einige Aufträge durch seinen Vater erhalten, der Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisenbank Goldach ist. Doch danach sei es wie von selbst gelaufen. Schlechte Erfahrungen mit Kunden musste er noch nie machen. «Im Gegenteil, sie waren bis jetzt immer sehr dankbar», so Locher. Er staune, wie gut Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniere.
Bis in die Nacht gearbeitet
Dass man neben der Lehre noch ein eigenes Geschäft aufbaut, akzeptiert nicht jeder Lehrbetrieb. Diesbezüglich habe er mit der IFP Informatik AG einen kulanten Arbeitgeber. «Mir war von Anfang an klar, dass die Lehre erste Priorität hat», so Locher. Ab und zu hatte er aber mit den Aufträgen für die eigene Firma so viel zu tun, dass er jeden Abend bis spät in die Nacht arbeiten musste. «Mit der Zeit lernte ich, dass man einfach nicht Tag und Nacht arbeiten kann.» Gelöst hat er dieses Problem, in dem er sich eine Partnerfirma suchte. Wenn er viele Aufträge erhält, kann er Teilbereiche an diese abgeben. «Ich möchte nie sagen müssen, dass ich keine Zeit für eine Anfrage habe. Stattdessen zeige ich dem Interessenten die möglichen Alternativen auf.» Eine weitere Hilfe ist sein jüngerer Bruder Raphael, der im zweiten Lehrjahr zum Kaufmann ist und ihn bei der Buchhaltung unterstützt.
Eigene Firma fordert Opfer
Stiess er beim Aufbau seiner Firma je an seine Grenzen? «Es gab schon Momente, da habe ich mich gefragt, wieso ich mir das antue. Heute aber bin ich froh, dass ich es durchgezogen habe, denn jetzt kann ich ohne Druck mein eigenes Geschäft aufbauen.» Anderen Jugendlichen, die sich überlegen, eine Firma zu gründen, empfiehlt Fabrice Locher: «Wenn man begeistert ist von dem, was man tut, sollte einen das Alter nicht davon abhalten. Die Unabhängigkeit nimmt einem viel Druck.» Ehrgeiz und eine gewisse Zielstrebigkeit seien von Vorteil. Er warnt aber auch: «Es wird kein Spaziergang. Man muss es wollen und die Zeit auch opfern können. Ansonsten lässt man es besser bleiben.»
Er wird seine Firma auf jeden Fall weiterführen. «Es ist sicher auch ein Traum, einmal davon leben zu können», so Locher. Ob er dies schaffe, sei noch offen. «Manchmal muss man einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.»