Heute mosten, übermorgen abholen

Nebel liegt an diesem Herbstmorgen über Rita und Niklaus Stadelmanns Landwirtschaftsbetrieb direkt neben dem Kloster Scholastika. Keine Menschenseele ist unterwegs, so scheints. Aber die Stille trügt. Zwischen Kuhstall und Gemüsegarten wird bereits emsig gearbeitet. Hier rattert die mobile Süssmostpresse – die einzige in der Region, wie Niklaus Stadelmann sagt –, sodass man kaum sein eigenes Wort versteht.

Gregor Lehner, Bio-Landwirt aus Rorschacherberg, parkiert seinen Traktor mit Anhänger. Seine Ladung: Rund vier Tonnen Äpfel und Birnen – «alle mit Kind und Kegel von Hand aufgelesen, die Mischung ist », sagt er. Die Früchte purzeln aus dem leicht gekippten Anhänger in einen Trichter und werden mit einem Förderband in die Höhe transportiert. Von dort plumpst ein Apfel nach dem anderen in einen Wassertank, wo er gewaschen wird. Es spritzt auf alle Seiten. Die fünfjährige Tabea und die siebenjährige Jorina schauen fasziniert zu. Vater Gregor Lehner lacht: «Gut, dass die Früchte während der Herbstferien reif sind. So brauchen wir keinen Ferienpass.»

Mosten als zweites Standbein
Rund zehn Jahre ist es her, seit die Familie Stadelmann eine mobile Bandpresse gekauft hat. Zuvor durfte sie jeweils die alte Packpresse der Schwestern im nahen Kloster benutzen. Der Nachteil: Mosten mit einer Packpresse bedeutet viel Handarbeit. «Nachdem immer mehr Kunden kamen, mussten wir uns entscheiden. Entweder mit dem Mosten aufhören oder es machen», sagt Niklaus Stadelmann. Er entschied sich für Letzteres und hat es nie bereut: «Das Bedürfnis der Bauern nach eigenem Most ist gross und unsere Dienstleistung wird sehr geschätzt.» Das Mosten sei mittlerweile nebst den Kühen ihr zweites Standbein geworden.

Die Bandpresse rumpelt unermüdlich. Nach dem Waschen mahlt eine Schnecke das Obst zu so genannter Maische. Damit der Saft auch richtig gut fliesst, müssen die Früchte so klein gemahlen sein wie für ein Birchermüesli. Dann wird die Maische zwischen Bändern gepresst, immer fester, immer dichter – und schon sprudelt der frische Apfelsaft aus einem Chromstahlrohr. Es riecht zuckersüss. Vereinzelte Wespen laben sich an den braunen Schaumbergen, die sich erheben.

70 bis 75 Prozent Ausbeute
Niklaus Stadelmann, mit Gummistiefeln und bodenlanger Gummischürze bekleidet, beobachtet das Ganze aus den Augenwinkeln. «Mit der Bandpresse sind wir einen Kompromiss eingegangen. Die Ausbeute ist zwar ein paar Prozent schlechter als bei der Packpresse, dafür ist es körperlich viel weniger streng.» Zwischen 700 und 750 Liter Süssmost schafft seine Maschine aus einer Tonne Äpfeln. Aber die Familie Stadelmann hat es nicht immer mit einer Grosslieferung zu tun: «Wir haben auch Kunden, die einen halben Harass Äpfel bringen und den Most in Petflaschen abfüllen lassen.» In den Monaten September und Oktober ist die Bandpresse der Familie Stadelmann täglich in Betrieb. Mal kommen die Kunden zu ihnen auf den Hof, mal macht Niklaus Stadelmann die Presse am Traktor fest und fährt beispielsweise nach Eggersriet oder Staad oder direkt zu den Landwirten heim. Ausserdem vermietet er die Presse regelmässig an vier Bauern aus der Region Gossau. «Mit allen Partnern zusammen können so rund 200 Tonnen Früchte pro Saison gepresst werden», sagt er, beisst herzhaft in einen Apfel und ergänzt: «Wir wollen aber keine Konkurrenz zu den industriellen Mostereien sein, sondern diese ergänzen, indem wir auch Kleinkunden bedienen, die Most für den Eigenbedarf möchten.» In den Grossmostereien müssten nämlich mindestens drei Tonnen Obst angeliefert werden, sagt er.

Der Rest ist für die Kühe
Mittlerweile hat die Bandpresse rund 2000 Liter Most gepresst. Die Bauernkinder sind auf Gregor Lehners Anhänger geklettert und bringen mit ihren Gummistiefeln die restlichen Äpfel und Birnen zum Purzeln. Rita Stadelmann pasteurisiert (auf 78 Grad erhitzen) den Most von gestern, der sich über Nacht gesetzt hat. «Bei uns heisst es: Heute mosten, morgen pasteurisieren und übermorgen abholen», sagt sie. Nebenan stapft ihr Kleinster mit lachendem Gesicht auf dem Trester herum, der später den Kühen verfüttert wird. Einen Ferienpass braucht auch er nicht.