Göttlicher Name, teuflische Pollen

Alle reden von Ambrosia – jener gefürchteten Pflanze, die im Begriff ist, vom Tessin und der Romnandie aus die Schweiz zu erobern. Letztes Jahr gingen erste Meldungen aus dem Thurgau und dem Rheintal ein. Doch gibt es bislang erst wenige der hoch allergenen Pflanzen in der Region. Das ergab die Nachfrage bei einigen jener Fachleute, die jede Gemeinde für die Bekämpfung bestimmen musste. Sie wurden in Kursen des Kantons geschult und sollen Meldungen entgegennehmen, allfällige Standorte überprüfen und die Pflanzen fachgerecht entsorgen. In vielen Gemeinden fällt die Organisation mit jener für die Feuerbrand-Bekämpfung zusammen – ein Hinweis auf die Dringlichkeit der Massnahmen.

Noch nicht in St. Gallen
In der Stadt St. Gallen ist das Gartenbauamt zuständig, und dieses leitet die Meldungen an Thierry Possa von der Stiftung für Arbeit weiter, der die verdächtigen Standorte kontrolliert. In der kurzen Zeit, seit er seine Arbeit aufgenommen hat, hat er nur einzelne Anfragen bekommen, und die waren alle Fehlalarme. Auch der Herr, der auf der Redaktion anruft und eine Ambrosia-Kolonie in der Stadt meldet, hat sich getäuscht: Ein Augenschein ergab, dass am Harfenberg zwar Pflanzen mit ähnlichen Blättern stehen, die Blüten aber viel zu gross sind (siehe «Steckbrief»).

Im Vogelfutter nach Gossau
Ähnliches ergeben Nachfragen in der Region: Auch in Tübach und Rorschach sind noch keine Ambrosia-Pflanzen gefunden worden, in Goldach bisher eine einzige. Gossau hingegen hat vier Standorte zu vermelden. Dabei handelte es sich um Einzelpflanzen, in einem Fall waren es vier Stück, sagt Christian Knellwolf, der in Gossau für die Ambrosia-Bekämpfung zuständig ist. Sie alle wurden wie auch jene in Goldach durch winzige Ambrosia-Samen im Vogelfutter eingeschleppt – neben dem «Mitfahren» auf Fahrzeugen oder in Aushub einer der Hauptwege, auf denen sich Ambrosia ausbreitet. Die Kontrolleurin der Stadt Gossau fährt mit dem Velo durch die Quartiere, und auch die Mitarbeiter des Bauamts halten die Augen offen. Ausserdem erhielten die Hundehalter einen Flyer und die Landwirte wurden informiert.

Die Fachleute der Gemeinden sind auch angehalten, in Frage kommende Flächen zu kontrollieren: Ambrosia liebt sonnige, unbewachsene Standorte wie Wegränder, Industriebrachen, Äcker, Baustellen oder Bahntrassees bis 1000 Meter über Meer. Die Kontrollen haben auch auf diesem Weg noch keine Standorte ergeben, sie haben vielerorts aber auch noch nicht richtig begonnen. In Gossau zum Beispiel konnte immerhin Riesenbärenklau entsorgt werden – auch er ist eine fremde, so genannt invasive Pflanze wie Ambrosia. Auch er kann gesundheitsschädigend sein. Wer ihn anfasst und dann an die Sonne geht, kann Verätzungen erleiden. Meldepflichtig wie Ambrosia ist er aber nicht.

Tausende Samen pro Pflanze
Dann waren all die Aufrufe in Sachen Ambrosia also voreilig? Kaum. Denn die Pflanze mag zwar noch nicht so richtig bei uns angekommen sein. Doch sie ist nur zu bekämpfen, wenn man es rechtzeitig tut: Ab Ende Juli blüht sie. Dann setzt sie nicht nur die sehr feinen und daher besonders schlimme Allergien auslösenden Pollen frei. Sie ist in grossen Beständen auch kaum mehr auszurotten. Eine einzelne Pflanze kann 3000 bis 6000 Samen produzieren, die bis zu vierzig Jahre im Boden überdauern können.

Man sollte sie daher vor der Blüte mit Handschuhen ausreissen und verbrennen (nicht kompostieren). Bei der Bekämpfung von blühenden Pflanzen sollte wegen der Pollen eine Schutzmaske getragen werden.

Ambrosia ist zwar einjährig und kann sich nicht über Ableger fortpflanzen. Doch könnten Samen im Boden überdauern. Die Fläche sollte daher begrünt werden, damit die viel Licht benötigende Pflanze in den Folgejahren nicht wieder keimt. Im Jahr darauf sollte man den Standort noch einmal kontrollieren.

«Grosse Gefahr für Gesundheit»
Derart gefürchtet ist Ambrosia, weil sie sehr schnell wächst, einheimische Pflanzen zu verdrängen und Ernteerträge zu schmälern droht. Vor allem aber kann sie starken Heuschnupfen, in schweren Fällen Asthma und Atemnot auslösen und – wenn man die Pflanze berührt – Hautreizungen.

Ambrosia gilt als «grosse Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung», so die Schweizerische Kommission für die Erhaltung von Wildpflanzen. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung reagieren allergisch auf die Pollen, heisst es auf einem Merkblatt des Bundes. Jeder vierte Pollenallergiker wird zusätzlich unter Asthmaanfällen leiden. Der Pollenflug dauert von Ende Juli bis Ende September und verlängert die Heuschnupfen-Saison um rund zwei Monate.