Gastgeberin in der Kirche

«Noch nie zuvor habe ich so viele Komplimente erhalten», sagt Trudi Hürlimann und strahlt. Als sie beispielsweise den Vorplatz bei der Kirche gefegt habe, hätten ihr die Leute für diese Arbeit gedankt. «Das bin ich nicht gewohnt», sagt sie. Bevor Trudi Hürlimann das Amt der Mesmerin in Tübach antrat, arbeitete sie 30 Jahre lang als Bäuerin in Goldach – und wischte Hunderte Male den Vorplatz, ohne dafür Komplimente zu erhalten.
Als einer ihrer Söhne den Betrieb übernahm, gab es für die 58-Jährige nicht mehr so viel zu tun auf dem Hof. Zusammen mit ihrem Mann zog sie vor zwei Jahren nach Tübach. In Berg SG führt ein anderer Sohn ebenfalls einen Bauernhof. «So wohnen wir in der Mitte und können überall aushelfen», erklärt Trudi Hürlimann.

Neuland für die Bäuerin
Doch trotz der Mithilfe auf den zwei Bauernhöfen suchte Trudi Hürlimann eine neue Aufgabe. Spontan bewarb sie sich für das Amt der Mesmerin. Die katholische Kirchgemeinde Tübach suchte damals dringend eine Nachfolgerin für Mesmerin Roberta Bommer. «Ich habe mich beworben und zwei Wochen später fing ich schon an», erzählt Trudi Hürlimann.

Am Anfang waren die Aufgaben Neuland für die Bäuerin. «Ich kannte die Kirche wie andere normale Bürger nur von aussen», sagt sie. Plötzlich musste sie den Ablauf der Messe kennen und mitgestalten, die Glocken unterhalten, Ministranten betreuen oder Lesungen übernehmen. Sie sei froh gewesen, dass sie von ihrer Vorgängerin sorgfältig in das 30%-Amt eingeführt worden sei und eine Weiterbildung absolvieren konnte, betont Trudi Hürlimann.

«Ich merkte schnell, dass ich viel Freude an meinem neuen Posten habe», sagt sie. Als schönste Veränderung nennt sie den Kontakt zu den Dorfbewohnern. Als Bäuerin habe sie nicht viele Leute gekannt und sei in erster Linie Familienfrau gewesen. «In Tübach gehörte ich sofort dazu», freut sie sich. Den persönlichen Kontakt zu den Kirchenbesuchern pflegt sie deshalb bewusst und nimmt sich Zeit für Gespräche. «Stammkunden» und Ministranten kennt Trudi Hürlimann beim Namen.

Mit Blumen schmücken
Trudi Hürlimann versteht sich als «Gastgeberin» in der Kirche. Sie ist zuständig für den Eindruck, den die Kirche hinterlässt – auch bei auswärtigen Pfarrern. «Es ist nicht einfach ein Job für mich», sagt Trudi Hürlimann. «Ich bin mit Gefühl und Ehrfurcht dabei.» Einen Kelch nehme sie anders in die Hand als ein Trinkglas zu Hause. Ihre liebste Aufgabe sei das Schmücken der Kirche mit frischen Blumen.

Dass sie nun auch werktags in der Kirche sei, erlebe sie als wohltuend, berichtet die Mesmerin. Zu den Fixpunkten im Arbeitsalltag gehören die Gottesdienste am Sonntagabend und Dienstagmorgen. Dazu kommen Schülergottesdienste, Beerdigungen, Trauungen und weitere Anlässe.

Bei aller Freude an der Arbeit in der Kirche gab es anfangs auch einen Nachteil für Trudi Hürlimann: Sie hält sich gerne im Hintergrund und würde bei Gottesdiensten manchmal lieber beim «Volk» sitzen, als vorne beim Altar zu stehen – doch daran hat sie sich mittlerweile längst gewöhnt.