«Fahre ich so gut wie früher?»

Immer wieder wurde Sepp Schnider als Fahrlehrer im Ruhestand im Kollegen- und Bekanntenkreis auf das Thema Fahren im Alter angesprochen. Kurzerhand entschloss er sich, ältere Autofahrerinnen und Autofahrer einzuladen, um darüber zu diskutieren, wie sich das Älterwerden auf das Autofahren auswirkt. 16 Personen folgten vergangenen Dienstag seiner Einladung. «Dass mehr Männer gekommen sind, hat mich überrascht. Eigentlich habe ich mehr Frauen erwartet», begrüsste Sepp Schnider die Anwesenden. Seine berufliche Erfahrung habe nämlich gezeigt, dass Frauen vorsichtiger fahren. Sie würden nicht besser fahren, sie verursachten aber weniger Unfälle.

«Mit 50 nützt der Bonus nichts»
«Ab wann ist man älter, wenn es ums Autofahren geht?», wollte er wissen. Früher habe er regelmässig ein Treffen für Fahrlehrer besucht, an dem ein etwa eineinhalb minütiger Parcours veranstaltet wurde. «Wer über 50 war, erhielt einen Bonus von zehn Sekunden», sagt Schnider. «Damals dachte ich, mit 50 bist du dann der Schnellste. Aber selbst mit dem Bonus hatte ich keine Chance gegen die 25- und 30-Jährigen. Da habe ich gemerkt, dass es nicht mehr wie früher ist.»

Ob jung oder alt, eines ist für alle Autofahrer gleich: Fahrer, Strasse und Auto gehören zusammen. «Was sich verändert, ist der Fahrer. Damit müssen wir uns abfinden», sagte Schnider. Kompetent und eindrücklich zeigte er auf, wie sich das Älterwerden auswirkt. Beim Autofahren spielt der Sehsinn die Hauptrolle. Doch die Linse im Auge wird im Alter trüber, das periphere Sehen nimmt ab. «Fixieren wir einen Punkt, können wir nicht mehr so gut sehen, was rechts oder links ist. Wir müssen den Kopf drehen, was uns nicht mehr so leicht fällt», erklärte Schnider. Das Auge sieht zudem nur in der Mitte scharf. Um ein Bild zu erfassen, tastet es das Ganze wie ein Scanner ab. Die einzelnen Scans werden im Kurzzeitgedächtnis gespeichert. Schliesslich teilt uns das Hirn mit, was wir sehen. «Das Kurzzeitgedächtnis lässt im Alter aber nach. Wenn ich an einem Verkehrssignal vorbeigefahren bin und danach von etwas anderem abgelenkt werde, kann ich mich nicht mehr erinnern, was auf dem Schild stand», gibt Schnider ein Beispiel. Das Autofahren ist ein dynamischer Vorgang, bei dem das Auge das Kurzzeitgedächtnis benötigt. Somit erschweren im Alter gleich zwei Dinge das Autofahren: die schlechteren Augen und das Kurzzeitgedächtnis, das nicht mehr alles behalten kann.

120 km/h reichen aus
Um zu verdeutlichen, was sich im Alter verändert, nannte Sepp Schnider noch weitere Beispiele, wie er sie bei sich selbst festgestellt hat. «Wenn ich auf der Autobahn Richtung Zürich fahre, merke ich, dass mir 120 km/h reichen.» Oder im Tunnel bemerkte er plötzlich, dass er rechts und links den Abstand kontrollierte, obwohl er jahrelang seinen Fahrschülern gepredigt hat, nach vorne zu schauen. «Und natürlich fallen mir die Manöver nicht mehr so leicht. Ich benütze die Spiegel häufiger, und auf meine Parkhilfe möchte ich nicht verzichten.» Die Frage, ob er im Alter nicht mehr so gut fahre wie früher, müsse er klar mit «Ja» beantworten. «Das Autofahren fordert mich mehr, es hat sich einiges geändert und manches wird sich noch ändern.» Ein Teilnehmer aus dem Publikum stimmte ihm zu. Er fahre heute viel defensiver. «Obwohl es mich stört, dass wir in der Schweiz nicht 130 oder 140 km/h fahren dürfen. Ich fahre oft in Deutschland, ich merke, dass ich konzentrierter fahre, wenn ich schneller fahre.»

Anhand von Fotos ging Sepp Schnider ein auf einzelne Verkehrssituationen und wie man sich in ihnen korrekt verhält. Situationen, die auch weit jüngere Autofahrer beschäftigen. Etwa wie man einen Doppelkreisel richtig befährt, wann man im Kreiselverkehr den Blinker setzt, und dass man in der Ausfahrt Meggenhus Richtung See nicht auf der rechten Spur überholen darf, weil zwei Spuren abzweigen.

Zwangloser Austausch geschätzt
Die Teilnehmer schätzten die zwanglose Art der Diskussion. «Er hat es toll gebracht, der ungezwungene Rahmen hat mir gut gefallen», meinte Hanspeter Josuran. Psychologisch klug fanden einige, dass Sepp Schnider eigene Erfahrungen angesprochen hat. «Im Alter fährt man bedächtiger», sagte Tobias Giger. «Gut war, dass gewisse Verkehrssituationen besprochen wurden. Es ist viel Neues dazugekommen.»

Für Sepp Schnider ist klar: Wer sich beim Autofahren unsicher fühle, oder wer nur noch bestimmte Strecken fahre, für den sei es Zeit, aufzuhören. «Aber das verlangt Charakter.»