«Es wird Lockerheit brauchen»

Herr Stilz, der Sprung ist riesig: Eben noch Spielertrainer in der Regionalliga in Hamburg, nun Assistenztrainer in der Bundesliga. Wie kam es dazu?
Roger Stilz: Ganz ehrlich: Dass es so schnell gehen würde, hatte ich auch nicht erwartet. Obwohl ich konsequent darauf hingearbeitet habe: Ich habe die DFB-Trainerausbildung bis zur A-Lizenz absolviert und mein Netzwerk während meiner Zeit in Hamburg stets erweitert.
Was normalerweise noch nicht für die Bundesliga reicht…
Stilz: Anscheinend passte das, was ich mitbringe, zu dem, was der HSV suchte. Aber klar: Vor einem halben Jahr hätte ich mich schon über einen einzigen Telefonanruf aus dem professionellen Fussball gefreut. Jetzt waren es innerhalb von wenigen Wochen gleich mehrere.
Es gab andere interessierte Clubs?
Stilz: Ja, ich habe auch mit dem VfL Wolfsburg und dem FC St. Pauli Gespräche geführt. Die vergangenen Wochen waren für mich und meine Familie ziemlich turbulent.
St. Pauli? Der Club war Ihnen einst nicht unsympathisch. Hätte das Herz nicht für St. Pauli gesprochen?
Stilz: Wenn man als junger Trainer die Möglichkeit hat, in einer Mannschaft der ersten Bundesliga zu arbeiten, dann muss man nicht lange überlegen. Davon träumt man als Kind. Ich möchte als Trainer so weit oben wie möglich arbeiten. Der HSV gehört in Deutschland zu den Top Sechs. Mehr geht fast nicht.
Fink bezeichnete Sie als Wunschkandidaten. Sind Sie mit ihm schon länger befreundet?
Stilz: Ich hatte zuletzt immer wieder Kontakt mit ihm. Ich war verantwortlich für die Jugendabteilung meines ehemaligen Clubs Victoria Hamburg, wo seine beiden Söhne trainierten. Er signalisierte mir Interesse, hat schliesslich konkret angefragt. Was mich freut. Thorsten beeindruckt mich. Er hat viel Energie und einen grossen Vorwärtsdrang.
Am vergangenen Montag hat das Training in Hamburg begonnen. Was sind Ihre Aufgaben?
Stilz: Ich bin mit dem anderen Co-Trainer, Patrick Rahmen, verantwortlich für den Hauptteil der Trainingsgestaltung. Zudem werde ich Ansprechperson sein, wenn es um die U23-Mannschaft des HSV geht. Thorsten nimmt während der Einheiten eher die beobachtende Rolle ein. Bei der Mannschaftstaktik, der Ansprache und den Korrekturen hat er das Sagen.
In der Bundesliga wird ein neuer Wind wehen, Sie müssen neu höheren Ansprüchen genügen als in der Regionalliga. Sind Sie dem gewachsen?
Stilz: Ich traue mir das zu, ja. Sonst hätte ich den Job nicht angenommen. Ich habe in den vergangenen Jahren viel gelernt in Sachen Trainingsgestaltung, Ansprache, Umgang mit Spielern und Funktionären, Energiefluss auf und neben dem Platz. Natürlich wird alles eine Nummer grösser und intensiver sein – das Spielfeld aber bleibt gleich gross. Ein guter Pass bleibt ein guter Pass. Und ich weiss, wie der klingen muss und auszusehen hat.
Dennoch: Plötzlich haben Sie es mit Stars zu tun. Mit Rafael van der Vaart oder Dennis Aogo zum Beispiel. Haben Sie keine Berührungsängste?
Stilz: Ich mag Menschen. Das ist für einen Trainer sehr zentral. Es ist ein Vorteil, wenn man es mit dem Bettler und dem König kann. Jeder Spieler hat seine Geschichte. Die Frage ist: Welcher Spieler braucht welchen Input zu welchem Zeitpunkt? Ich möchte eine gute Mischung finden: ernsthaft, demütig, aber auch selbstbewusst. Dazu kommt: Man tut sich sicher keinen Gefallen, wenn man das Ganze zu kompliziert angeht, es wird auch eine gewisse Lockerheit brauchen.
Haben Sie mit Ihren Spielern schon ausgiebig sprechen können?
Stilz: Mit einigen länger, andere habe ich erst begrüsst. Wir sind ja noch lange nicht komplett. Die Nationalspieler in der Mannschaft treffen bis Donnerstag tröpfchenweise ein. Am Freitag wird es dann mit dem ganzen Tross ins Trainingslager ins Zillertal gehen.
Sie leben seit 2004 in Hamburg. Was hat Sie damals überhaupt bewogen, in die Stadt zu ziehen? Sie spielten in der Schweiz erfolgreich in der Nationalliga B.
Stilz: Ich wollte mit dem Fussball noch etwas anderes machen, etwas Neues erleben. Bei einer Reise nach Hamburg habe ich gemerkt: Das ist meine Stadt. So zog ich um, führte mein Germanistikstudium in Hamburg weiter, arbeitete in der Stadt, spielte dort Fussball. Und bin geblieben.
Was fasziniert Sie an der Stadt?
Stilz: Die Vielfalt auf überschaubarem Raum: hier schicke Ecken wie Eppendorf, Rotherbaum, dort das Schanzenviertel, die Reeperbahn, der Hafen. Die Stadt hat eine tolerante Grundstimmung. Und viel Wasser – das Ganze ist ein super Puzzle.
Spielte beim Wechsel nach Deutschland nicht auch mit, dass Sie auf einen Einsatz in der Bundesliga hofften?
Stilz: Nein. Ich war ja damals schon 27 Jahre alt. Ich sah das realistisch.
Nebst dem Engagement im Fussball haben Sie als freier Journalist, als Texter und Model gearbeitet. Werden Sie das eine oder andere weiterführen?
Stilz: Nein. Das wäre zum einen vertragsrechtlich nicht möglich, zum anderen ist es schön, dass ich nun meine ganze Energie dem Fussball und dem HSV widmen kann. Das fussballerische Niveau würde ohnehin nichts anderes erlauben.
Als der FC St. Gallen 2011 einen Sportchef suchte, war auch Ihr Name zu hören. Gab es damals Anfragen aus der Ostschweiz?
Stilz: Nein. Ganz allgemein: Es gab nie Angebote aus der Schweiz, seit ich Trainer bin.
Sollte dereinst eine Anfrage aus der Schweiz kommen: Wäre für Sie eine Rückkehr eine Option – in die Ostschweiz zum Beispiel?
Stilz: Das schliesse ich nicht aus. Ich bin weiter stark verbunden mit der Ostschweiz, es ist mein erstes Zuhause. Meine Familie lebt da. Enge Freunde ebenso.
Irgendwann beim FC St. Gallen einzusteigen, wäre für Sie ebenfalls denkbar?
Stilz: Klar. Durchaus. Ich verfolge den FC St. Gallen mit grossem Interesse. Ich habe aber gelernt, nicht zu sehr an Übermorgen zu denken. Ich verliere unnötig Energie, wenn ich mich mit Zukünftigem beschäftige. Was kommt, kommt.
Interview: Ralf Streule