«Es gibt keinen Tropfen mehr»

«Viele Menschen definieren sich über ihren Job», sagt Walter Abderhalden, Leiter der Abteilung Prävention und Qualität vom Amt für Arbeit St. Gallen. «Eine Kündigung bedeutet nicht nur den Verlust der Arbeitsstelle, sondern auch den Verlust von Wertschätzung. Suchtkranke verlieren mit dem Job oft auch den letzten Rest an Stabilität.»

So ging es auch Werner S. Die Trennung von seiner Familie hatte er noch hingenommen, als überwindbaren Bruch. Der leitende Koch machte weiter wie zuvor. Wenn es ihm zu viel wurde, griff er zur Flasche. So geriet er in einen Teufelskreis, den er mit beruflichem Ehrgeiz zu kompensieren suchte. Er nahm einen neuen, noch anforderungsreicheren Job an. Der Zusammenbruch kam am ersten Arbeitstag. «Ich konnte nicht mehr, fühlte nur eine riesige Leere in mir. Da blieb ich einfach zu Hause.»

Nachfrage steigt
Hier knüpft die Zusammenarbeit des Ostschweizer Rehabilitationszentrums Mühlhof in Tübach und des Amtes für Arbeit St. Gallen an. «Es ist wichtig, arbeitslose Suchtkranke so früh wie möglich aufzufangen», sagt Walter Abderhalden. «Die Sucht soll behandelt und somit das baldige Zurückfinden in die Arbeitswelt ermöglicht werden.» So kann, wer beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum angemeldet ist, nach einem Abklärungsgespräch und einer körperlichen Entzugsbehandlung im «Mühlhof» eintreten. Die Nachfrage steigt, seit die Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Arbeit und dem Rehabilitationszentrum Anfang 2006 definitiv wurde. Mitfinanziert und ausgewiesen wird die sechsmonatige Therapie wie ein Erwerbslosen-Einsatzprogramm. Auch Werner S. entschied sich für die Therapie im «Mühlhof». So kann er, falls er dies möchte, für sich behalten, was er in der Zeit seiner Arbeitslosigkeit gemacht hat.

In den bisher 16 Wochen Therapie hat Werner S. eine neue Zukunftsperspektive gewonnen. «Der hat mich persönlich und mit dem Arbeitseinsatz im Gartenteam auch beruflich weitergebracht», erzählt er. In Therapiegruppen erlebte der 35-Jährige, dass andere Menschen ganz ähnliche Probleme haben wie er selbst. «Wie ich diese in Zukunft ohne Alkohol angehen kann, habe ich mit meiner Therapeutin in Gesprächen erarbeitet», erzählt er.

Trocken bleiben
Um im Rhythmus des Arbeitsalltags zu bleiben, hat Werner S. während der ganzen Therapiezeit Biogemüse angebaut, geerntet und verkauft. Dies hat ihm nicht nur eine Tagesstruktur, sondern auch zusätzliches Wissen für seinen Beruf als Koch gebracht. Werner S. steht auf dem Sprungbrett zurück in die Erwerbswelt. Der Vertrag mit seinem zukünftigen Arbeitgeber ist bereits unterschrieben. Und wie hat Werner S. sein Alkoholproblem an der neuen Arbeitsstelle im Griff? «Es gibt keinen Tropfen mehr.»