«Er ist mir kein Partner mehr»

Rosemary Högger sagt ihrem Mann, er solle eine Flasche Wasser aus dem Keller holen und stellt die Kaffeekanne auf den Tisch. Er geht die Treppe hinunter. Mit leeren Händen kommt er nach wenigen Minuten wieder nach oben. Was er tun sollte, weiss er nicht mehr. Seine Frau schüttelt den Kopf und geht selber in den Keller. Seit Guido Högger an Alzheimer erkrankt ist, ist nichts mehr, wie es vorher war. Heute ist er 59 Jahre alt und kann seine Kleider nicht mehr selber aus dem Schrank holen. Manchmal vergisst er sogar, sich anzuziehen.
Wirtschaftslage oder Alkohol?
Stutzig wurde Rosemary Högger im Frühling 2009, als ihr selbständig erwerbender Mann immer seltener Kundenbesuche machte. «Er sagte, das sei wegen der schlechten Wirtschaftslage, aber das glaubte ich ihm nicht ganz.» Zuerst schob sie die Situation auf den Alkoholkonsum ihres Mannes. «Er trank Wein wie Wasser.» Als es mit dem Geschäft immer schlechter lief, dachte sie: «Jetzt wird er Alkoholiker.» Als ihr Partner schliesslich die Steuererklärung trotz verschiedener Anläufe nicht ausfüllen konnte, wusste seine Frau, dass etwas geschehen musste. Der Nachbar ist Arzt und riet ihr, einen Neurologen aufzusuchen.
«Die Diagnose Alzheimer war ein Schock», sagt die 57-Jährige mit Tränen in den Augen. Die fünfköpfige Familie steht im Januar 2010 plötzlich ohne Einkommen da. Und die administrativen Arbeiten, die immer ihr Mann erledigt hatte, fallen nun ihr zu. Sie muss das Geschäft auflösen, ihren Mann bei der Invalidenversicherung anmelden und den Papierkrieg für die finanzielle Unterstützung führen. Die drei Kinder sind alle noch in der Ausbildung. Doch die Diagnose ist auch eine Erklärung. Ihr Mann ist kein Alkoholiker. Die Nervenzellen in seinem Hirn sterben aus einem anderen Grund langsam ab.
Unruhige Augen
Äusserlich merkt man Guido Högger die Krankheit nicht an. Er begrüsst Besucher, setzt sich an den Tisch und reagiert, wenn er angesprochen wird. Doch seine Augen fliegen unruhig hin und her. Anfangs habe ihm die Krankheit nicht stark zugesetzt, sagt seine Frau. Seit einem Jahr leidet er aber unter Depressionen. Oft glaubt er auch, bestohlen worden zu sein und beschuldigt dann Familienmitglieder – was sehr belastend ist für alle. Gegen die Symptome wird er medikamentös behandelt. «Er nimmt ein Medikament gegen die Demenz und eins gegen die Depression, so wird es auch für uns leichter», sagt seine Frau.
Um sechs Uhr morgens steht sie auf und macht Frühstück für die Kinder. Wenn diese aus dem Haus sind, versucht sie ihren Mann dazuzubringen, sich zu duschen und anzuziehen. Dann gehen sie einkaufen. Wenn sie mit dem Haushalt beschäftigt ist, tigert er durch die Räume. Alleine lassen kann sie ihn höchstens drei Stunden. Er kann keine Anweisungen befolgen und würde das Nachtessen schon zum Frühstück verspeisen. Bei schönem Wetter verbringen die Höggers den Nachmittag meistens im Garten. «Nur wenn wir Krach haben, geht er einfach weg.» Dann gibt sie ihm ein Stunde Zeit, bevor sie ihn suchen geht. Einmal stand sein Velo nicht mehr in der Garage. Da startete sie eine Suchaktion, rief ihre Kinder an und fuhr mit dem Auto los. Drei Stunden später kam ihr Mann völlig erschöpft zurück. Er sei in Kreuzlingen gewesen. Ob das stimmt, weiss niemand.
Guido Högger erinnert sich nicht mehr daran, was gestern war. Oder wie er seine Frau vor 30 Jahren kennengelernt hatte. «Weisst du noch, was du getragen hast an dem Tag?», fragt sie. Er schüttelt den Kopf. «Eine Badehose. Wir haben uns doch im Hallenbad getroffen.»
Abstand vom Alltag
Ein Partner sei ihr Mann schon lange nicht mehr, sagt Rosemary Högger. Wenn sie mit ihm Ausflüge unternimmt, führt sie mehrheitlich Monologe. Dennoch geben ihr diese Stunden viel Kraft: Abstand vom Alltag, in dem ihr oft die Decke auf den Kopf fällt. Deswegen pflegt sie auch mehrere Hobbies und arbeitet einen Morgen pro Woche im Claro-Weltladen. Zeit für all das findet sie nur, wenn die Kinder ihren Mann beschäftigen, oder an dem Tag in der Woche, wenn er in der Tagesstätte ist. «Ich habe tolle Leute um mich herum. Mit denen kann ich lachen und über ganz anderes sprechen als über die Krankheit», sagt sie. Zum Austausch sind auch die Kinder für sie da. Das Gespräch beim Abendessen dreht sich um die Abschlussprüfung der 19jährigen Dominique. «Die ist genau an meinem 20. Geburtstag», sagt die junge Frau. Sie steht hinter ihrer Mutter und legt ihr die Arme um den Hals. Ihrem Vater gehe sie eher aus dem Weg. «Unsere Mutter war schon immer unsere Bezugsperson. Da hat sich nicht viel geändert.»
Mehr als einen Tag Betreuung in der Tagesstätte kann sich die Familie nicht leisten, denn der Aufenthalt kostet sie 130 Franken. Drei Stunden in der Woche kommt eine Spitex-Betreuerin und spielt mit Guido Högger Spiele oder geht mit ihm spazieren.
Dass sie ihrem Mann bald wird helfen müssen, sich zu waschen oder anzuziehen, darüber möchte sich Rosemary Högger noch keine Gedanken machen. «Das kommt früh genug.» Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie wollen, dass er drei bis fünf Tage in die Tagesstätte gehen könnte, und sie am Wochenende Zeit hätten für einander. «So wie bei anderen Familien auch, wenn der Vater unter der Woche arbeitet.»