Elf am selben Tisch

Familie Stadelmann, das sind Mutter Rita, Vater Niklaus und ihre neun Kinder. Auf ihrem Bauernhof in Tübach herrscht Hochbetrieb. Langeweile kennt die elfköpfige Familie nicht. Besonders in der Weihnachtszeit geht es drunter und drüber. Da ist nebst der täglichen Arbeit im Stall Guezli backen angesagt. Das Haus will für die Festtage auf Vordermann gebracht werden, es stehen Weihnachtsfeiern in den Schulen an, und Geschenke müssen besorgt werden.
Neun Kinder, das sind neun Weihnachtswünsche. Michael, mit zwölf Jahren der zweitjüngste Spross der Familie, wünscht sich ein Trikot des FC St. Gallen. Natürlich versuche sie, jeden Wunsch zu berücksichtigen, sagt Rita Stadelmann. Das klappt nicht immer: «Denn will einer Inlineskates, dann wollen alle Inlineskates.» Aus der Ruhe bringt das die neunfache Mutter deswegen nicht. Bei Stadelmanns hat sich das Grossfamilienleben eingespielt.
Jedes Kind ein Wunschkind
Rita Stadelmann sitzt auf der Holzbank in der Küche. Alleine, ein seltenes Bild. Der Esstisch vor ihr ist ungewöhnlich gross, er bietet ja auch Platz für elf Personen. Rita Stadelmann dagegen ist ungewöhnlich klein. Eine zierliche Frau. Kaum einer glaubte, dass sie neun Kinder, «jedes ein Wunschkind», auf die Welt gebracht hat.
Die 49-Jährige ist in einer Grossfamilie aufgewachsen. Fünf ältere, vier jüngere Geschwister. «Eine wunderschöne Zeit», erinnert sie sich. Und ein Grund, warum sie, Jahre später, eine eigene Grossfamilie gegründet hat. «Ich kenne nichts anderes», sagt sie. Ein weiterer Grund ist Rita Stadelmanns Glaube. Für die Katholikin sind Kinder ein Geschenk Gottes. Verhütet habe sie deshalb nie. Und doch, als sie und ihr Mann Niklaus vor über 25 Jahren heirateten, wurde sie lange Zeit nicht schwanger. «Da habe ich begriffen, dass Kinder keine Selbstverständlichkeit sind.»
Kritik prallt ab
Umso grösser war die Freude über den ersten Nachwuchs. 26 Jahre ist das her. Es folgten acht weitere Schwangerschaften. Heute hat das Ehepaar Stadelmann drei Töchter und sechs Söhne. Ihr jüngstes Kind ist zehn Jahre alt.
Rita Stadelmann spricht offen über ihre Familie. Auch über die negativen Seiten. «Es gab und gibt noch immer viel Unverständnis von aussen», sagt sie. Der häufigste Vorwurf? Sie und ihr Mann Niklaus seien verantwortungslos. Mit den Jahren hätten sie gelernt, nicht auf diese Stimmen zu hören, sagt Rita Stadelmann. Sie ist überzeugt, dass man auch nur einem Kind gegenüber verantwortungslos sein kann. Wichtig sei, dass die Eltern jedes ihrer Kinder lieben. «Was die Liebe trägt, ist niemals eine Last», sagt sie. Reue kennt Rita Stadelmann keine. Ihre Kinder hätten ihr Leben vervollständigt. «Ich würde mein Leben nochmals so leben.»
Kompromisse eingehen
Und wie ist es, eine elfköpfige Familie finanziell über die Runden zu bringen? Ein Leben in Saus und Braus könnten sie sich nicht leisten, sagt Rita Stadelmann. «Natürlich fahren wir nicht jedes Jahr in die Ferien.» Mit neun Kindern müsse man eben Kompromisse eingehen, aber Geldsorgen haben sie keine. So hat sich Rita Stadelmann das Haarschneiden beigebracht, um die Kosten beim Friseur zu sparen. Und sie sei sich nicht zu schade, Kleider in Secondhand-Läden einzukaufen.
Beim Stichwort Kleider wird Sohn Michael hellhörig. Er gesellt sich zu seiner Mutter an den Küchentisch. Wer weiss, vielleicht geht sein Wunsch, das FC- St. Gallen-Trikot, schon bald in Erfüllung.