Eine Strasse sorgt für rote Köpfe

«IV. Nachtrag zum Grossratsbeschluss über den Staatstrassenplan.» Das ist der unspektakuläre Titel einer regierungsrätlichen Vorlage, mit der sich der St. Galler Kantonsrat demnächst befassen wird. Im vergangenen Herbst waren die betroffenen Gemeinden im Vernehmlassungsverfahren eingeladen, Stellung zu beziehen. Der Gemeinderat Tübach stimmte einer Umklassierung der Horner- und der Schulstrasse zur Kantonsstrasse zu. Es geht um 1300 Meter. Direkt an der Strasse stehen das Schulhaus und der Kindergarten.

Antwort nicht unterschrieben
Einer tat sich ganz besonders schwer mit dem Entscheid des Gemeinderats: Der damalige Gemeindepräsident Roger Hochreutener, der seit Anfang dieses Jahres dem Toggenburger Städtchen Lichtensteig vorsteht. Da war nichts mehr mit Kollegialitätsprinzip; er verwahrte sich, unterschrieb die Antwort an die Regierung nicht. «Ich konnte den Entscheid nicht mittragen», sagt Hochreutener.

Erst im vergangenen Jahr sind an der Schulstrasse Massnahmen zur Verkehrsberuhigung im Betrag von 150 000 Franken vollzogen worden. Hochreutener befürchtet Mehrverkehr. Grund zur Sorge bereitete ihm der Verkehrsrichtplan der Nachbargemeinde Goldach. Geht es nach diesem Plan, sagt Hochreutener, könnte der Verkehr aus dem Industriegebiet Rietli am See in Zukunft über die Tübacher Schulstrasse zur Autobahn A1 geleitet werden.

Seit 13 Jahren ein Thema
Ein Gemeinderat von Tübach arbeitet bei der Gemeinde Goldach. Hätte er in den Ausstand treten sollen bei der Behandlung des «heissen» Strassen-Geschäfts? Das fand ein Mitglied der Geschäftsprüfungskommission (GPK) und reichte beim Kanton eine Aufsichtsbeschwerde ein, wie Hochreutener gegenüber der Nachrichtenagentur SDA ausführte. Das Verfahren wird von Michael Götte, dem neuen Tübacher Gemeindepräsidenten, genau so wenig kommentiert wie die Strassenumklassierung an sich.

Die Umklassierung ist seit über einem Jahrzehnt ein Thema, wie Strassenkreisinspektor Hans Kästli sagt. Hans Kästli sitzt im Gemeinderat von Goldach. Er versteht die Aufregung um die Umklassierung der Strasse von Horn TG bis zum Kreisel in der «Waldegg» nicht. Goldach jedenfalls könne davon nicht profitieren. Nach der Umklassierung fahre nicht ein Auto mehr am Schulhaus und am Kindergarten in Tübach vorbei. Es sei eine «irrige Meinung», die Bezeichnung als Kantonsstrasse bringe mehr Verkehr. Lastwagenchauffeure können laut Kästli schon heute vom Goldacher Rietli über die Schulstrasse in Tübach zur Autobahn fahren – «wenn sie wollen».

Andere Gemeinden sind froh
Weil sie mit der Umklassierung die Hoheit über die Schulstrasse verlöre, entfielen der Gemeinde Tübach auch jährlich Kosten von rund 50 000 Franken. Laut Kästli steht der Schulstrasse in den nächsten Jahren eine umfassende Sanierung bevor. Andere Gemeinden seien vorbehaltlos froh, wenn sie eine Strasse «abgeben» können.

Für Bruno Gschwend, Schulpräsident und Mitglied des Tübacher Gemeinderats, steht die Verkehrssicherheit auf der Schulstrasse an erster Stelle. Das sei dem Kanton in der Vernehmlassung auch so kommuniziert worden, sagt Bruno Gschwend.

Wenn es darum geht, die Verkehrssicherheit auf Kantonsstrassen zu verbessern, scheue auch der Kanton keinen Aufwand. Entsprechende Massnahmen würden mit den Gemeinden abgesprochen. In der Vorlage heisst es: Für den Wirtschaftsstandort Seeregion ist das Strassenstück als kürzeste Verbindung zur A1 von hoher Bedeutung.