Dörflichen Charakter behalten

Herr Götte, seit wann sind Sie Gemeindepräsident in Tübach?
Michael Götte: Seit dem 1. Januar 2006. Im Vorfeld der Wahl hatten mich damals zahlreiche Menschen aus dem Dorf darauf angesprochen, weshalb ich mich dann entschlossen habe, gegen die vom Wahlkomitee gestellten Kandidaten anzutreten?
Sie haben dann eher überraschend am meisten Stimmen erhalten und mussten im zweiten Wahlgang ebenso überraschend gegen ein Mitglied des Wahlkomitees selbst antreten, das offensichtlich nicht mehr an seine «eigenen» Kandidaten geglaubt hat?
Götte: Ja genau; gegen diese tief mit dem Dorf verbundene Person hat man mir im Vorfeld der Wahl wenig Chancen eingeräumt, doch die Einwohner haben gemerkt, dass ich hier in Tübach keine Parteipolitik machen will, sondern mich für sachliche Gemeindepolitik einsetze, und mir knapp das Vertrauen geschenkt.
Haben sich die Erwartungen, mit denen Sie 2006 Ihr Amt angetreten haben, erfüllt?
Götte: Ich habe im Tübacher Gemeindehaus meine Verwaltungslehre absolviert und wusste daher schon, welche Aufgaben der Gemeindepräsident zu bewältigen hat. Für mich war aber von Beginn an klar, dass ich nicht einfach Verwalter sein möchte, sondern mich für das Dorf aktiv engagiere. Wenn ich nun zurückblicke, darf ich sicher sagen, dass sich in Tübach in den vergangenen fünfeinhalb Jahren einiges bewegt hat.
Eines dieser Projekte, die Überbauung Hermet, hat diesen Frühling den Spatenstich erlebt, was wurde unter Ihrer Führung sonst noch umgesetzt?
Götte: Es hat vor allem eine innere Verdichtung stattgefunden, indem ältere Gebäude abgebrochen und neue gebaut wurden; beim «Löwen» wurde zudem ein Dorfplatz realisiert, der heute sehrt belebt ist. Die Planung einer weiteren Dorfraumgestaltung, zwischen Kirche und Rathaus, wollen wir nach der Realisierung der Überbauung Hermet in Angriff nehmen.
Mit der Überbauung Hermet und der eventuellen künftigen Nutzung von Land zwischen Kirche und Landhauskreisel wird die Tübacher Bevölkerung wachsen. Ist die Infrastruktur dafür ausreichend?
Götte: Die Tübacher Infrastruktur ist für 1500 bis 1600 Einwohner ausgelegt; momentan leben 1300 Menschen hier. Wir können also alles, was jetzt umgesetzt wird und mittelfristig geplant ist, fassen. An der Kapazitätsgrenze ist einzig das Schulhaus. Nach den Sommerferien werden wir im Rat darüber diskutieren, zu welchem Zeitpunkt wir das Thema Schulhauserweiterung anpacken sollen, da der räumlichen Optimierung innen Grenzen gesetzt sind und wir Handlungsbedarf haben.
Im Gegensatz zu früheren Jahren scheint nun in Tübach ein gesundes Wachstum möglich. Welche Entwicklung braucht das Dorf Tübach grundsätzlich?
Götte: Unsere heutige Entwicklung würde ich als ländlich, mit klarer Vorwärtsperspektive beschreiben. Wichtig ist, dass wir den dörflichen Charakter behalten und dies mit der Bauweise entsprechend steuern. Wichtig ist auch, dass wir die Anbindung an die Stadt St. Gallen mit dem öffentlichen Verkehr auf dem heutigen Niveau behalten oder sogar ausbauen können.
Welche Bedeutung hat der von Ihnen erwähnte dörfliche Charakter für Tübach?
Götte: Tübach ist wirklich noch ein Dorf. Das hat sich einmal mehr beim am 31. Juli durchgeführten Sommernachtsfest gezeigt. Die Menschen kennen sich und grüssen sich; diese Verbundenheit darf unter keinen Umständen verloren gehen. Dennoch darf man nicht in einen Dornröschenschlaf verfallen, sondern muss ein vernünftiges Wachstum anstreben.
Ist eine solche Entwicklung auch im Industriequartier möglich?
Götte: Leider nicht. Dort gibt es nur mehr wenige Quadratmeter als Reserve für die bestehenden Betriebe. Wir haben zwar regelmässig Anfragen, können aber diesbezüglich nicht Hand bieten.
Wo sehen Sie Tübach im regionalen Verbund?
Götte: Wir arbeiten sehr eng mit unseren Nachbarn zusammen. Mit Goldach beispielsweise durch ein regionales Grundbuchamt und die technischen Betriebe. Auch mit Steinach sind wir sehr eng verbunden, wir haben aber sicher auch das Potenzial, um autonom zu bleiben, zumal wir mit Ausnahme von Mörschwil mit Abstand die finanzstärkste Gemeinde in der Region sind.
Werden Sie den Steuerfuss trotz der aktuellen Entwicklung bei 100 Prozent belassen?
Götte: Wenn alles optimal läuft, haben wir eher eine sinkende Tendenz. Wir können die Entwicklung zwischen Kanton und Gemeinden zwar nicht abschätzen, aber eine weitere Steuersenkung ist machbar. Auch, weil wir weiterhin an einer schlanken Verwaltung festhalten.
Ist denn der Steuerwettbewerb fair, der auch in der Region am See zu beträchtlichen Unterschieden führt?
Götte: Wir sind es gewohnt, zum Speckgürtel der Stadt gezählt zu werden, dennoch finde ich den Steuerwettbewerb, wie er zwischen den Gemeinden spielt, gut.
Auch Rorschach und Rorschacherberg verzeichnen diesbezüglich erfreuliche Entwicklungen. Wie wertvoll sind finanziell «gesunde» Nachbargemeinden auch für Ihre Gemeinde?
Götte: Die Region Rorschach lebt als Ganzes. Wenn es den Zentrumsgemeinden schlecht geht, leidet die ganze Region und wird national dementsprechend negativ wahrgenommen. Tübach ist aufgrund seiner Grösse zwar nicht das Aushängeschild der Region, wir engagieren uns aber dafür, es punktuell zu sein. Als Startort der Tour de Suisse haben wir sicher dazu beigetragen, dass die Region positiv wahrgenommen wurde.
Wo soll denn die Entwicklung der Region Rorschach hinführen?
Götte: Die Region muss noch mehr Selbstbewusstsein entwickeln und offensiver auf ihre Vorzüge aufmerksam machen – wir müssen uns vor niemandem verstecken. Verbesserungspotenzial sehe ich beispielsweise beim Rorschacher Seeanstoss. Im Vergleich mit Bregenz oder Lindau könnte die Seeufergestaltung sicher noch attraktiver gestaltet werden.
Der Airport St. Gallen-Altenrhein wurde schon mehrfach als entscheidender Faktor für die regionale Entwicklung bezeichnet. Zu Recht?
Götte: Für Tübach ist der Airport kein wesentlicher Faktor, für die Region ist er aber sehr wichtig, um die Ansiedelung von Grossunternehmen, die global tätig sind, zu fördern. Bestes Beispiel ist ja die Würth AG, die ohne Airport nicht in Rorschach bauen würde.
Als Gemeindepräsident, Kantonsrat und Angestellter eines Industrieunternehmens sind Ihre Tage mehr als nur ausgefüllt. Wie laden Sie Ihre Batterien wieder auf?
Götte: Zu Hause bei meiner Familie. Wir unternehmen zusammen Ausflüge an den See und in die Berge, ausserdem finde ich einen Ausgleich beim Joggen und Biken. Speziell waren diesen Sommer die Familienferien mit meiner zukünftigen Frau und unserem fünf Monate alten Sohn. Wir haben andere Regionen in der Schweiz besucht und ich konnte dabei ausgezeichnet abschalten. Ausserdem nutze ich die ruhigere Zeit, um Sachen zu erledigen, die ansonsten im Daily Business zu kurz kommen.
Sie sind Fraktionspräsident der SVP im St. Galler Kantonsrat und Gemeindepräsident. Welche politischen Ambitionen haben Sie?
Götte: Ich habe immer gesagt, dass ich nicht 30 Jahre lang Gemeindepräsident sein möchte. Ich wurde bei den vergangenen Regierungsratswahlen als Kandidat angefragt, fühlte mich aber noch zu jung. Nächstes Jahr könnte ich mir durchaus vorstellen, in den Wahlkampf einzusteigen?
Gemeindepräsident und Regierungsrat – dies liesse sich aber nicht vereinbaren?
Götte: Das Amt des Gemeindepräsidenten übe ich mit grosser Freude aus, wir fühlen uns auch sehr wohl in Tübach. Politik ist aber nicht immer so einfach planbar, ich sehe meiner Zukunft daher gespannt entgegen.