Die Stadt wird wieder zur Stadt

Bedeutet Stillstand tatsächlich wie oft zitiert Rückschritt, dann ist die Entwicklung bezüglich Einwohnerzahlen in der weiteren Region Rorschach mit einem weinenden Auge zu betrachten. So lebten Ende des vergangenen Jahres 51 824 Menschen in der Region zwischen St. Margrethen und Berg SG; dies sind gerade mal 141 mehr, als im Jahr 2009. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor betrug der Zuwachs noch 445 Einwohner. Am markantesten waren die Sprünge von 1990 auf 1991 (+841) und 2006 auf 2007 mit plus 630.
Der Blick auf die Grafik oben zeigt, dass sich auch die Zunahme in den Gemeinden des Wahlkreises Rorschach (+90) und den einzelnen Gemeinden in sehr bescheidenen Grenzen hält. Tübach führt die regionale Rangliste an (+47) und weist erstmals in der Dorfgeschichte mehr als 1200 Einwohner auf; nämlich 1238. Der Bezug von neuen Wohnungen an der Aachstrasse und einiger Leerwohnungen nennt Gemeindepräsident Michael Götte als Ursache. Die Kapazität von Tübach sieht er bei unveränderter Infrastruktur langfristig bei 1500 Einwohnern.
Viel zu wenig Bauland
Obwohl im vergangenen Jahr einige Mehrfamilienhäuser realisiert wurden, ist auch Goldach mit einem Plus von 15 Einwohnern (9030) praktisch stehengeblieben. Eine Erklärung dafür ist laut Gemeindepräsident Thomas Würth, der sich von der langsamen Entwicklung überrascht zeigt, nur schwer zu finden. Offensichtlich gebe es viele Wegzüge und neue Wohnungen würden oft von Goldachern bezogen. Doch diese Bewegung innerhalb könne nicht ausschlaggebend sein, weil der freiwerdende Wohnraum auch wieder besetzt werde. Fakt sei; dass in der ganzen Region viel zu wenig Bauland zur Verfügung stehe; die grosse Nachfrage könne nicht befriedigt werden. Die Region könne ebenso wie die Schweiz nicht mehr nur in die Breite wachsen. Dies habe zur Folge, dass vermehrt auf Verdichtung nach innen und Quartiererneuerungen gesetzt werden müsse. Dadurch neuen Wohnraum zu schaffen, sei aber immens zeitaufwendiger und schwieriger als auf der grünen Wiese, da solchen Projekten weitaus mehr Widerstand erwachse. «Grosse Hoffnungen setze ich diesbezüglich in die anstehende Revision des Baugesetzes, damit Anreize für verdichtetes Bauen gesetzt werden können», sagt Thomas Würth.
Potenzial für 11 000 Einwohner
In der Schweiz gilt ein Ort als Stadt, wenn mehr als 10 000 Menschen zusammenleben. Rorschach ist daher seit 1978 keine eigentliche Stadt mehr. Damals fiel die Einwohnerzahl (9947) unter die 10 000er-Marke. Tiefpunkt war 2006, als nur 8383 Menschen hier lebten. 1963 wies Rorschach noch 13 420 Bewohner aus. «Dank der Neupositionierung und der Umsetzung von Projekten», so Stadtpräsident Thomas Müller, «ist es uns in den vergangenen Jahren vier Jahren gelungen, eine Trendumkehr einzuleiten.» Aktuell wohnen wieder 8817 Menschen in Rorschach. Strategisches Ziel des Stadtrates ist es, die 10 000er-Marke zu überschreiten; das Potenzial sieht Müller bei 11 000 Einwohnern. «Eine solche Entwicklung ist auch wichtig, um die städtischen Finanzen dauerhaft im Gleichgewicht zu halten. Nur dann ist es möglich, öffentliche Bauvorhaben und weitere Steuersenkungen ohne Neuverschuldung zu realisieren», zeigt sich Müller überzeugt.
Interessant, am Beispiel der Stadt Rorschach, ist die wechselnde Zusammensetzung der Bevölkerung. Ende 2010 lebten 4812 Schweizer (54,57%) und 4005 Ausländer am See, davon 584 deutsche und 548 italienische Mitbürger. Vor zehn Jahren waren es bei vergleichbarer Einwohnerzahl 5252 Schweizer (60,71%) und 3399 Ausländer, davon 156 Deutsche und 755 Italiener.