Bauliche Entwicklung im Zeitraffer

Seit Anfang Jahr bietet das Bundesamt für Landestopographie einen Service für Geschichtsinteressierte. Mit Hilfe einer Online-Anwendung lassen sich Schweizer Kartenwerke aus dem letzten Jahrhundert mit aktuellen Versionen vergleichen. Praktisch: Dank der Internet-Zeitreise kann die Siedlungsentwicklung jeder beliebigen Region erkundet werden – auch diejenige der eigenen Wohngemeinde.
Dass die Zersiedelung auch vor der Region Rorschach nicht haltgemacht hat, wird deutlich, wenn man die Karten betrachtet. 1938 liegt beispielsweise Goldach noch als unzusammenhängende Siedlung da. Gegen Rorschach wirkt es eher unscheinbar. Ursprünglich noch ein «Bauerndorf», wird Goldach jedoch immer mehr zum gefragten Wohnort – vor allem am Seeufer, aber auch an der St. Galler Strasse entstehen luxuriöse Villen. In der Nachkriegszeit steigt die Bevölkerung sprunghaft an, die einzelnen Ortsteile wachsen zusammen und zwischen 1950 und 1970 verdoppelt sich die Einwohnerzahl annähernd. Der Freiraum, der in Rorschach fehlt, ist in der Nachbargemeinde im Überfluss vorhanden, Goldach breitet sich in Richtung der Stadt aus.
Grenzen nicht erkennbar
Die Wachstumskrise, die Rorschach in den 70er-Jahren ereilt, ist in Goldach weniger zu spüren. Die Gemeinde schafft es gar, leicht weiterzuwachsen. In den letzten fünfzehn Jahren gelingt es der Stadt Rorschach zwar, den Abwärtstrend zu stoppen, trotzdem wird sie mit der Jahrtausendwende von Goldach als einwohnerreichste Gemeinde der Region abgelöst. Ein Blick auf die aktuelle Karte zeigt jedoch, dass auch Goldach nicht unaufhörlich weiterwachsen kann. Die Gemeindegebiete haben sich zusammengeschlossen. Wer nicht weiss, wo die Grenzen genau verlaufen, wird sie am Ortsbild nicht erkennen. Verdichtetes Bauen wird in Zukunft ein wichtiges Thema sein.
Etwas weniger schnell sind die ländlichen Gemeinden um Rorschach gewachsen. Trotzdem ist deren Entwicklung, wie Tübach exemplarisch zeigt, nicht weniger beeindruckend. Das auf der ersten Karte sichtbare Ortsbild von 1938 entspricht etwa demjenigen um die Jahrhundertwende – und wird sich bis in die 60er-Jahre hinein kaum verändern. Die Siedlung zentriert sich um die Kirchstrasse und den Hornbach. Der Mülhof-Komplex und der Weiler Aach im Osten sind noch klar vom Dorf getrennt. Dass sich Tübach erst nach 1960 stärker ausbreitete, kam dem Ortsbild zugute. Denn erst zu dieser Zeit begann man in den Schweizer Gemeinden, Zonenpläne zu erstellen und eine sinnvolle Raumplanung umzusetzen. In Tübach zeigt sich dies in einem relativ klar von den Wohnquartieren getrennten Industriegebiet nördlich und südlich der Goldacherstrasse. Neuer Wohnraum entsteht ab den 70er-Jahren vor allem am Ruhberg, der nach und nach seine ursprüngliche Funktion als Ausflugsort verliert. Heute ist er dicht bebaut mit Einfamilienhäusern.
Wohnen und Industrie getrennt
Tübach hat seine ursprüngliche Form verloren, ist mit Aach und Mülhof zusammengewachsen und hat seine Einwohnerzahl in den letzten 50 Jahren verdoppelt. Trotzdem ist der historische Kern erhalten geblieben. Im Vergleich etwa zu Rorschach ist die Trennung von Wohngebieten und Industrie geglückt. Um eine verdichtete Bauweise wird aber wohl auch Tübach nicht herumkommen, wenn es sich weiter in diesem Masse entwickeln will.